"Making a Murderer": Zweite Staffel möglich

21. Jänner 2016, 15:57
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Laura Ricciardi und Moira Demos weisen Anschuldigungen der einseitigen Darstellung in der Netflix-Dokuserie zurück – "Es ist ausführlich, akkurat und komplett"

Los Angeles – "Es geht in der Serie darum, ob dieser Mann einen fairen Prozess bekam und nicht, ob er die Tat begangen hat oder nicht", wollte Moira Demos im APA-Interview verstanden wissen. Ob Steven Avery, Protagonist der viel diskutierten Netflix-Dokuserie "Making a Murderer", schuldig oder unschuldig ist, dazu wollten weder Demos noch Co-Regisseurin Laura Ricciardi Stellung nehmen.

Kurz vor Weihnachten wurde die zehnteilige Serie über den möglicherweise unschuldig wegen Mordes verurteilten Schrottplatzbetreiber Steven Avery veröffentlicht und hat seitdem für nahezu universelle Empörung unter Zusehern auf der ganzen Welt gesorgt. Die US-amerikanischen Filmemacherinnen hatten das im Vorfeld nicht ausgeschlossen. "Wir wussten, dass dies ein umstrittenes Projekt sein würde und wir hatten gehofft, mit der Öffentlichkeit in einen Dialog treten zu können", sagte Demos gegenüber der APA im Anschluss an die Presserunde bei der Television Critics Association im kalifornischen Pasadena. "Es ist nicht überraschend, dass es unter so vielen Menschen starke Reaktionen hervorruft. Bis zu einem gewissen Grad haben wir damit gerechnet."

Kritik an einseitiger Darstellung

Es wurden aber auch Stimmen laut, die eine einseitige Darstellung des Falles kritisieren und die Filmemacherinnen beschuldigen, wichtige Details ausgelassen zu haben. Unter dem Schutzmantel des dokumentarischen Stils sei so der Eindruck erweckt worden, dass das US-amerikanische Justizsystem versagt hat und Steven Avery ein zweites Mal zu Unrecht im Gefängnis sitzt. In den 1980er-Jahren wurde Avery für die Vergewaltigung einer Frau verurteilt, nach 18 Jahren konnte seine Unschuld durch moderne DNA-Tests nachgewiesen werden. Doch nur rund zwei Jahre später wurde er erneut festgenommen: Diesmal verdächtigte man ihn des Mordes.

"Es ist enttäuschend, aber diese Kontroverse wird von kurzer Dauer sein", zeigte sich Ricciardi überzeugt, und betonte wie auch Demos, keinerlei Position zu Averys Schuld oder Unschuld haben. "Wir halten dies nicht im geringsten für Meinungsjournalismus. Wir ergreifen nicht Partei. Wenn überhaupt ist dies ein Dokumentarfilm über soziale Gerechtigkeit," erklärte Demos.

"Natürlich haben wir Beweise ausgelassen"

"Wir sind Dokumentarfilmer. Wir sind keine Staatsanwälte. Wir sind keine Verteidiger", betonte auch Ricciardi vor versammelter Presse. "Es war nicht in unserem Sinne, jemanden zu überführen oder zu entlasten. Unser Ziel war es, das amerikanische Justizsystem und seine Funktionsweise zu untersuchen. Es wäre unmöglich gewesen, jedes Beweisstück miteinzubeziehen. Natürlich haben wir Beweise ausgelassen. Die Frage ist, war etwas von dem, was weggelassen wurde, signifikant? Die Antwort ist Nein."

Die Frage, ob Steven Avery in den Augen der Filmemacherinnen schuldig oder unschuldig ist, beantworteten sie auch in Pasadena nicht, doch Demos sagte so viel: "Ich denke, es gibt so viele Fragen über die Zuverlässigkeit dieser Strafverfolgung, sodass es schwer ist, sich auf diese Urteile verlassen zu können." Jedem Menschen stehe ein gerechter Prozess zu, ergänzte Ricciardi. "Das ist das, was ich davon mitnehme." Gegenüber der APA hob sie außerdem die Sorgfalt ihrer Arbeit hervor. "Wissen Sie, es ist interessant, dass jene Menschen, die jetzt am lautesten in den nationalen Medien sind, selbst ernannte Autoritäten in einer Geschichte sind, mit der sie nichts zu tun hatten. Wir haben zehn Jahre damit verbracht, diese Geschichte zu dokumentieren. Ich denke, wir haben uns das Recht verdient, darüber zu sprechen. Es ist gründlich, akkurat und komplett."

Ex-Verlobte beschuldigt Avery

Vor wenigen Tagen hat ein Interview mit Steven Averys Ex-Verlobten, Jodi Stachowski, für Zweifel an der korrekten Darstellung von Avery gesorgt. Er habe sie misshandelt und dazu gezwungen, nette Dinge über ihn in der Dokumentation zu sagen. Die Filmemacherinnen geben im Rahmen der Presserunde an, keinerlei Kenntnis von häuslicher Gewalt gehabt zu haben. "Ich weiß nicht, warum Jodi Stachowski diese Dinge in den Medien sagt. Das, was Sie in der Serie sehen, ist ein akkurates Porträt dessen, was sie uns vor neun Jahren erzählt hat", sagte Demos.

"Was wir jetzt sehen, ist Geschichte, die sich wiederholt. Die Medien dämonisieren diesen Mann, um seine Schuld zu beweisen. Wir haben jene Informationen inkludiert, die wir auf Tatsachen überprüfen konnten und für die wir multiple Quellen hatten. Nur weil jetzt jemand mit einer Geschichte an die Öffentlichkeit tritt, bedeutet das nicht, dass diese Interpretation sachlich oder wahr ist", schloss Ricciardi an. Demos betonte gegenüber der APA, dass die aktuellen Geschehnisse keinen Einfluss auf ihre Meinung haben. "Nichts in den jüngsten Nachrichten ändert meine Gefühle über die Serie."

Längerfristige Folgen

Laura Ricciardi ist jedenfalls davon überzeugt, dass die Dokumentation abseits der aktuellen Kontroverse längerfristige Folgen haben wird. "Ich denke, dass die Themen, die aus der Serie hervorgehen, Bestand haben werden. Ich bin gewillt darauf zu warten, bis die Menschen bereit sind über jene Dinge zu sprechen, über die wir gerne sprechen möchten und darüber, was die Serie wirklich bietet. Ich denke, dass diese Kontroverse nicht nur kurzlebig ist, sondern auch eine Minderheit von Menschen betrifft. Die große Mehrheit reagiert auf eine sehr konstruktive Art und Weise auf die Serie."

Eine Fortsetzung ist eine Möglichkeit. "Wir sind bereit, es weiterzuverfolgen, sollte es signifikante Entwicklungen geben", so Demos. Steven Avery selbst hat "Making a Murderer" noch nicht gesehen. Der Zugang wurde ihm verweigert. (Marietta Steinhart, APA, 21.1.2016)

  • Steven Avery bei seiner ersten Verhaftung 1985. Er saß 18 Jahre unschuldig im Gefängnis.
    foto: reuters/netflix

    Steven Avery bei seiner ersten Verhaftung 1985. Er saß 18 Jahre unschuldig im Gefängnis.

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