Empathische Nager: Präriewühlmäuse trösten gestresste Artgenossen

21. Jänner 2016, 21:42
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Tiere zeigen fürsorgliches Verhalten gegenüber Artgenossen, die zuvor Stresssituationen ausgesetzt waren

Atlanta – Nahestehende liebevoll trösten – das können auch Präriewühlmäuse. Mit einer Extraportion Fellpflege besänftigen sie gestresste Artgenossen, berichten Forscher aus den USA und den Niederlanden im Fachjournal "Science". Das Bindungshormon Oxytocin spielt dabei eine entscheidende Rolle.

Menschen beginnen etwa ab dem zweiten Lebensjahr, andere zu trösten. Bisher sei ein vergleichbares Verhalten nur bei wenigen Tierarten festgestellt worden, die weit entwickelten kognitiven Fähigkeiten besitzen: Menschenaffen, Hunde, Elefanten und Rabenvögel. "Wissenschafter haben Tieren bisher nur zögerlich Empathie zugestanden und solchen Verhaltensweisen eher egoistische Motive unterstellt", sagt der Verhaltensforscher Frans de Waal, Koautorder Studie. "Diese Erklärungen haben im Fall von Trost aber nie funktioniert."

Soziale Nager

Erstautor James Burkett von der Emory University in Atlanta, Georgia und Kollegen untersuchten empathisches Verhalten an Präriewühlmäusen (Microtus ochrogaster) im Labor. Die Tiere leben monogam, beide Eltern kümmern sich um die Aufzucht der Jungen. Für ihre Studie trennten die Forscher vorübergehend zwei Tiere voneinander. Eines bekam während der Isolation schwache Stromstöße verabreicht. Dann wurden die beiden Nager wieder vereint. Das verstörte Tier wurde daraufhin von seinem Artgenossen durch intensives Ablecken und Fellpflege getröstet – und schien sich in der Folge schneller zu erholen.

Wurden die Tiere getrennt, aber keines Stromstößen ausgesetzt, nahmen Dauer und Intensität der Fellpflege nach der Wiedervereinigung nicht in gleichem Maße zu. Nah verwandte Wiesenwühlmäuse (Microtus pennsylvanicus) trösteten ihre Artgenossen im gleichen Versuch nicht. Anders als die Präriewühlmäuse gehen die Angehörigen dieser Art keine engen sozialen Bindungen ein. Sie paaren sich mit verschiedenen Partnern, nur die Weibchen ziehen die Jungen groß.

Steigender Stresshormonspiegel

Weitere Versuche zeigten, dass das ungestresste Tier die Empfindungen des anderen offenbar nachfühlte. So nahm der Gehalt an Stresshormonen in seinem Blut zu, wenn es den Artgenossen nach dem Test nur durch eine durchsichtige Trennwand beobachten konnte. Hatte es Zugang zu ihm und konnte ihn trösten, verspürte es selbst weniger Stress. Allerdings trösteten die Wühlmäuse nur verwandte und gut bekannte Artgenossen, fremden Tieren spendeten sie kein Trost.

Als die Forscher bei den Tieren den Rezeptor für das Hormon Oxytocin im Gehirn blockierten, war es mit dem fürsorglichen Verhalten vorbei. Auch beim Menschen wird der Oxytocin-Rezeptor unter anderem mit Empathie und der Wahrnehmung von Emotionen in Verbindung gebracht. Müttern und Babys hilft das Hormon zum Beispiel dabei, eine Bindung zueinander aufzubauen: Durch die Zuwendung der Mutter, etwa beim Stillen, steigt der Oxytocinspiegel. Das Baby wendet sich verstärkt der Mutter zu, was wiederum deren Oxytocinspiegel steigen lässt.

Medizinisches Interesse

Insbesondere die mütterliche Versorgung des Nachwuchses, die bei allen Säugetieren zu finden ist, scheint der Ursprung für die Entwicklung vieler komplexer sozialer Verhaltensweisen zu sein, vermuten die Wissenschafter. Dabei orientierte sich die Aufmerksamkeit vom Nachwuchs weg hin zu erwachsenen Artgenossen.

Viele psychische Erkrankungen des Menschen gehen mit dem Unvermögen einher, Gefühle anderer zu erkennen und darauf angemessen zu reagieren, schreiben die Forscher. Die genauere Untersuchung des Oxytocin-abhängigen Trostverhaltens bei Präriewühlmäusen könne möglicherweise zu einem besseren Verständnis dieser Erkrankungen führen. (APA, red, 21.01.2016)

  • Auch wenn das Bild einen gewissen Interpretationsspielraum zulässt: Hier wird eine Präriewühlmaus getröstet – durch Fellpflege.
    foto: zack johnson

    Auch wenn das Bild einen gewissen Interpretationsspielraum zulässt: Hier wird eine Präriewühlmaus getröstet – durch Fellpflege.

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