Die Normalität des Leids

Userkommentar21. Jänner 2016, 20:56
11 Postings

In Pakistan werden bei einem Anschlag auf eine Universität mehr als 20 Menschen getötet. Bloß ein weiterer Vorfall? Eine Medienkritik

Angesichts des schrecklichen Angriffs auf die Bacha-Khan-Universität im Nordwesten Pakistans am Mittwoch, bei dem mehr als 20 Menschen zu Tode kamen, zeigt sich wie bereits so oft, dass die Opfer des Terrorismus keineswegs ausschließlich, ja, nicht einmal vorrangig im Westen zu beklagen sind. In einem mindestens ebenso großen Ausmaß gibt es sie in den Ländern, die von vielen im Westen auf zynische Weise als "Exportländer" des Terrorismus bezeichnet werden. Alleine in Pakistan wurden im vergangenen Jahr mehr als 900 Zivilisten durch Terroranschläge getötet, meldet das "South Asia Terrorism Portal".

Nach den Anschlägen von Paris wie auch nach den sexuellen Übergriffen in Köln in der Silvesternacht wurde in vielen Medien ausführlich über die kulturellen und religiösen Hintergründe der Taten gesprochen. Die rassistischen Übergriffe auf Musliminnen und Muslime, Asylwerberinnen und Asylwerber und Geflüchtete, die sich in den Wochen nach den Angriffen häuften, können nicht von der medialen Berichterstattung gänzlich losgelöst betrachtet werden. Dass Muslime so leicht pauschal zu Tätern gemacht werden können, hat auch damit zu tun, dass sie in den Medien selten als Opfer dargestellt werden.

Opferstatus aberkannt

Wenn in westlichen Medien über Angriffe wie den auf den Bacha-Khan-Universitätscampus berichtet wird, dann meist in einer Art und Weise, die die Leserinnen und Leser annehmen lässt, es handle sich bei dem Terroranschlag bloß um einen weiteren Vorfall im Zuge bereits seit langem stattfindender bürgerkriegsähnlicher Auseinandersetzungen. Als solcher sei der Anschlag zwar bedauerlich, aber keineswegs außergewöhnlich oder unerwartet, sondern lediglich ein Beleg für die tiefe gesellschaftliche Spaltung in [beliebiges muslimisches Land einfügen].

Durch diese Art der Berichterstattung wird den Opfern der Gewalt und des Terrorismus letztlich ihr Opferstatus aberkannt. Sie erscheinen als nicht zu vermeidende Begleitschäden einer Auseinandersetzung, an der sie sich ja wohl selbst beteiligten und daher auch die volle Verantwortung zu übernehmen hätten. Anstatt sie als Opfer desselben Terrors zu sehen, der in Paris mehr als hundert Menschen tötete, erscheinen sie uns als Personen, die aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit und ihrer Herkunft gar nichts anderes zu erwarten haben oder sogar selbst mitschuldig an ihrer Lage sind und daher auch keinen Anspruch darauf haben, in Europa Schutz und Solidarität zu finden. Ihr Leid und ihr Tod sind für uns kein Skandal, sondern höchstens trauriger Beweis der angespannten globalpolitischen Lage oder Beleg für einfache Gewissheiten wie die, dass der Mensch dem Mensch ein Wolf sei oder wohl niemals gänzlicher Frieden herrschen werde.

Krieg und Gewalt als Normalität

Wenn Krieg und Gewalt anderswo zur Normalität erklärt werde, wie das in den Medien tagtäglich geschieht – oft einfach dadurch, dass darüber gar nicht erst berichtet wird –, wird den Opfern ihr Leid als Teil der eigenen Identität eingeschrieben. Indem ihr Leid dadurch als natürlich und notwendig erscheint, sind sie aber keine Opfer im eigentlichen Sinn mehr.

Auch weiterhin werden daher die Menschen, die vor ebenjener Gewalt nach Europa fliehen, verdächtigt werden, selbst an der Gewalt mitverantwortlich zu sein und sie nun auch noch zu "uns" bringen zu wollen. Was sollen die Angehörigen der Opfer der Anschläge in Pakistan, aber auch des Kriegs in Syrien auf solche Anschuldigungen erwidern? Eine kritische mediale Berichterstattung muss Gewalt und Leid auch außerhalb Europas als Skandal begreifbar machen und gleichzeitig aufzeigen, dass beides auch "dort" als solcher gesehen wird. Ohne ein solches medial vermitteltes Bewusstsein werden Menschen, die aus Pakistan, Syrien und anderen Ländern nach Europa fliehen, immer wieder gezwungen sein, sowohl das eigene Leid als auch die Ablehnung von Gewalt aufs Neue zu beweisen. (Philipp Sperner, 21.1.2016)

Philipp Sperner hat in Innsbruck und London Vergleichende Literaturwissenschaft und Languages and Cultures of South Asia studiert und lebt in Wien.

Zum Thema

  • Nein zu Terrorismus: Proteste in Lahore, Pakistan am Mittwoch nach dem Angriff auf eine Universität.
    foto: reuters/mohsin raza

    Nein zu Terrorismus: Proteste in Lahore, Pakistan am Mittwoch nach dem Angriff auf eine Universität.

Share if you care.