Wie mit Twitter Börsenkurse vorausgesagt werden

21. Jänner 2016, 13:40
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Auswertungen können die Stimmung tausender Kurznachrichten erfassen. Daraus lassen sich Prognosen ableiten

Wien – Rund eine halbe Milliarde Kurznachrichten pro Monat auf Twitter – Wissenschafter sehen diese Flut von Daten als wahren Schatz, mit dem man in Echtzeit Erwartungshaltungen, Ansichten und Stimmungen in der Bevölkerung messen kann. Studien haben belegt, dass Twitter genutzt werden kann, um Wahlergebnisse, Grippewellen oder Einspielergebnisse von Kinofilmen vorherzusagen. Findige Forscher gehen nun einen Schritt weiter und prüfen, inwieweit man mit der Analyse von Twitter Aktienkurse vorhersagen kann.

Tweets können massive Auswirkungen auf die Börsen haben. Als Tesla-Chef Elon Musk am 30. April 2015 eine neue Produktlinie auf Twitter ankündigte, legte der Börsenwert von Tesla in wenigen Minuten um eine Milliarde US-Dollar zu. Ein Post des US-Multimilliardärs Carl Icahn führte 2013 kurzeitig zu einem Kapitalisierungszuwachs von acht Milliarden Dollar von Apple. Ob diesen Einzelfällen tatsächlich eine Kausalität zugrunde liegt, lässt sich jedoch nicht zweifelsfrei belegen.

Stimmung der Masse

Der Ökonom Darko Aleksovski vom slowenischen Jozef Stefan Institute untersuchte die Auswirkungen der Twitter-Stimmung auf den Aktienmarkt. Dazu wertete er über 100.000 Tweets, die mit einem der 30 Unternehmen des Dow Jones Industrial Average verschlagwortet waren, aus und klassifizierten die Nachrichten in die Kategorien positiv, neutral oder negativ. Der Wissenschafter identifizierte daraufhin sogenannte "Events", also eine erhöhte Twitteraktivität, und beobachtete das darauffolgende Marktverhalten.

"Unser Hauptbefund ist, dass die aggregierte Stimmungslage auf Twitter während der Ereignisse die Richtung der Marktentwicklung beeinflusst", schreibt der Autor in der Studie. Nun kann man einwenden, dass sich auf Twitter nicht nur Börsenfachleute und Anleger tummeln, sondern auch jede Menge Nutzer, die sich bloß über ein Ereignis empören oder ein Produkt loben. Wie ist es erklärbar, dass die Masse Entwicklungen besser vorhersagen kann als mancher Börsenanalyst?

"Twitter-Fonds"

"Diese Nutzer sind im sozialen Netzwerk aktiv und neigen dazu, Leuten mit größerem Wissen zu folgen", erklärt Aleksovski. "Sie verfolgen die Nachrichten und bilden sich ihre eigene Meinung, die sie in ihren Entscheidungsprozess, eine Aktie zu kaufen oder verkaufen, miteinbeziehen."

"Die Börse aggregiert letztendlich nur die Meinung vieler Händler bezüglich des Wertes einzelner Aktien", sagt der Finanzwissenschafter Timm Sprenger. "Social-Media-Kanäle sind neue und bessere Indikatoren als einzelne Expertenmeinungen. Seit geraumer Zeit werden Data-Mining-Verfahren professionell angewendet, auch von renommierten Investmentbanken", so Sprenger. Der 2008 gegründete Fondsanbieter Derwent Capital Markets bietet "Twitter-Fonds" an, die sich auf Twitter-Signale stützen. Mithilfe eines dafür entworfenen Algorithmus werden Tweets nach Stimmungslagen ausgelesen und auf dieser Basis Kursentwicklungen prognostiziert. Die Treffergenauigkeit dieses Verfahrens wurde mit 90 Prozent beziffert. (Adrian Lobe, 21.1.2016)

  • Die Intelligenz der Masse, oder im konkreten Fall auch deren Stimmungslage, kann erstaunliche Resultate nach sich ziehen – selbst wenn es um die Vorhersage von Börsenkursen geht.
    foto: handout

    Die Intelligenz der Masse, oder im konkreten Fall auch deren Stimmungslage, kann erstaunliche Resultate nach sich ziehen – selbst wenn es um die Vorhersage von Börsenkursen geht.

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