Sexualdelikte: Die meisten Täter kennen ihre Opfer vorher

21. Jänner 2016, 05:30
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Nach den Ereignissen in Köln ist die Angst vor sexuellen Übergriffen durch Flüchtlinge groß – Fragen und Antworten

Frage: Wie viele Sexualdelikte werden in Österreich pro Jahr angezeigt?

Antwort: Laut den aktuellen Zahlen der Kriminalstatistik des Innenministeriums (BMI) wurden im Jahr 2014 österreichweit insgesamt 4.216 Sexualdelikte angezeigt. 1.330 der Anzeigen betrafen sexuelle Belästigung und öffentliche geschlechtliche Handlungen. Bei 839 Anzeigen ging es um Vergewaltigung. Im Jahr davor wurden insgesamt 4.556 Anzeigen eingebracht, damit sind die Anzeigen um 7,5 Prozent zurückgegangen. Die Zahlen für 2015 werden erst im März veröffentlicht.

Frage: Bildet das die Realität ab?

Antwort: Es dürfte weitaus häufiger zu Sexualdelikten kommen. Das zeigt sich etwa an den Aufzeichnungen des Wiener Frauennotrufs. 2014 wurden 8.568 Beratungen durchgeführt. 32 Prozent davon aufgrund sexualisierter Gewalt. Es sei für Frauen oft eine große Hürde eine Tat anzuzeigen, sagt die Geschäftsführerin des Vereins Autonomer Österreichischer Frauenhäuser, Maria Rösslhumer. Bei unbekannten Tätern würden Frauen oft anzweifeln, ob es überhaupt Sinn macht. Besonders schwierig sei es dann, wenn es um den eigenen Partner oder ein Familienmitglied geht. Am Land, wo "jeder jeden kennt", sei es auch noch einmal schwieriger.

Frage: Wie verteilten sich die Anzeigen 2014 auf die Bundesländer?

Antwort: Die wenigsten Anzeigen gibt es mit 89 im Burgenland. In Kärnten waren es 221, in Niederösterreich – dem Bundesland mit der zweithöchsten Bevölkerungszahl – 605, in Oberösterreich 734. In Salzburg wurden 264 Fälle angezeigt, in der Steiermark 536, in Tirol 382 und in Vorarlberg 249. Die meisten und knapp ein Viertel aller Anzeigen wegen Sexualdelikten wurden mit 1.136 im bevölkerungsreichsten Bundesland, in Wien, eingebracht.

Frage: Wer sind die Tatverdächtigen?

Antwort: Insgesamt wurden 2014 3.511 Tatverdächtige ermittelt. 3.349 davon waren Männer und 162 Frauen. Mutmaßliche Täter gibt es in allen Altersstufen. Die meisten (1145) waren zwischen 25 und 40 Jahre alt. Knapp danach: die über 40-Jährigen mit 1.109 Verdächtigen. Sexuelle Übergriffe kommen aber laut Rösslhumer in allen Gesellschaftsschichten und allen Generationen vor. 889, also rund ein Viertel der Verdächtigen, waren laut BMI-Bericht "Fremde", also keine Österreicher. Die restlichen rund drei Viertel waren österreichische Staatsbürger. An der Gesamtbevölkerung betrug der Anteil der Nicht-Österreicher Ende 2014 13,3 Prozent.

Frage: Wer sind die ausländischen Tatverdächtigen?

Antwort: Die Mehrheit der Tatverdächtigen ohne österreichische Staatsbürgerschaft waren im Jahr 2014 Arbeitnehmer (306 Personen). 233 waren Menschen ohne Beschäftigung. 82 waren noch in Ausbildung, also Schüler oder Studierende. 123, und damit 13,8 Prozent der ausländischen sowie 3,5 Prozent aller Verdächtigen, waren Asylwerber. Die Asylwerber werden in der Statistik des BMI jedoch nicht nach ihrem Herkunftsland aufgeschlüsselt. Zudem lässt sich der Anteil der im Land befindlichen Asylwerber an der Gesamtbevölkerung nur schätzen. 2014 betrug die Zahl der Asylanträge rund 28.000, es befanden sich darüber hinaus noch jene Asylwerber im Land, die bereits in einem früheren Jahr ihren Antrag gestellt haben, deren Verfahren aber noch nicht abgeschlossen war. Durch Neuanträge auf der einen und Antragsabschlüsse auf der anderen Seite schwankt die Zahl der in Österreich aufhältigen Menschen mit Asylwerberstatus täglich.

2014 wurden außerdem 59 Personen, die sich als Touristen in Österreich aufhielten, eines Sexualdelikts verdächtigt. Laut einer Anfragebeantwortung von Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) waren unter den 189 Verdächtigen mit Asylwerberstatus bei Sexualdelikten von Jänner 2014 bis September 2015 79 Personen aus Afghanistan, 15 aus Pakistan, zwölf aus Marokko und je 13 aus Syrien und Nigeria.

Frage: Wie viele Verurteilungen gab es 2014 wegen Sexualdelikten?

Antwort: Im Jahr 2014 gab es in Österreich laut Bericht des Justizministeriums (BMJ) 908 Verurteilungen aufgrund von Delikten gegen die sexuelle Integrität. Das bedeutet nicht, dass die restlichen angezeigten Delikte automatisch zu Freisprüchen geführt haben. Es kann auch zu keiner Verhandlung gekommen sein oder diese kann erst in einem der darauffolgenden Jahre stattfinden.

Frage: Wer sind die Verurteilten?

Antwort: 886 der Verurteilten waren Männer, 22 Frauen. 76,2 Prozent waren österreichische Staatsbürger. 23,8 Prozent, also 216 Personen, waren Ausländer. Von ihnen kamen 107 aus einem EU-Staat, 24 aus der Türkei und 27 aus Ländern des ehemaligen Jugoslawien. 58 kamen aus allen anderen Ländern.

Frage: Wer sind die Opfer?

Antwort: Unter den Opfern befinden sich nicht nur, aber überwiegend Frauen und Mädchen. Die Statistik zählte 2014 insgesamt 276 männliche Opfer; ein Großteil von ihnen (218) waren unter 18 Jahre alt. Dem stehen insgesamt 1.788 weibliche Opfer gegenüber. Weniger als die Hälfte von ihnen (847) waren minderjährig.

Frage: In welcher Beziehung stehen Täter und Opfer zueinander?

Antwort: In nur 9,7 Prozent der angezeigten Delikte gegen die sexuelle Integrität bestand gar keine Beziehung zwischen Opfer und Täter. Bei 9,9 Prozent waren es Zufallsbekanntschaften. Der größte Brocken der Anzeigen mit 46,6 Prozent fällt auf ein Bekanntschaftsverhältnis – Täter und Opfer kannten sich also. 21 Prozent der angezeigten Sexualdelikte ereigneten sich innerhalb einer Familie, die in einer Hausgemeinschaft lebt. In 11,4 Prozent hatten Täter und Opfer eine familiäre Beziehung, aber wohnten nicht zusammen.

Frage: Wo kommt es in Österreich zu sexuellen Übergriffen?

Antwort: Laut Rösslhumer kann es "immer und überall" zu sexuellen Übergriffen kommen – sei es in der Familie, in Beziehungen, in Institutionen oder auf der Straße. (Oona Kroisleitner, Michael Matzenberger, Christa Minkin, 21.1.2016)

  • Männliche Flüchtlinge aus Syrien demonstrieren am Kölner Hauptbahnhof gegen Gewalt an Frauen.
    foto: apa / patrick stollarz

    Männliche Flüchtlinge aus Syrien demonstrieren am Kölner Hauptbahnhof gegen Gewalt an Frauen.

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