Geburtenrückgang als Politikum in Frankreich

21. Jänner 2016, 07:00
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Erstmals in diesem Jahrhundert sinkt die Geburtenzahl – die Ursachen sind unklar

Bei aller Wirtschaftskrise und Trübsal hatten die Franzosen – und mehr noch die Französinnen – einen guten Grund zum Nationalstolz: Ihre Gebärfreudigkeit lag bisher bei über zwei Kindern pro erwachsene Frau, während der EU-Schnitt bei einer Quote von 1,5 dümpelt. Die Gründe sind bekannt: Neben hohen Kinderprämien und Immigrationswerten gehört dazu auch die grundsätzliche Politik, Frauen das Nebeneinander von Arbeit und Familie zu ermöglichen.

Jetzt kommt es aber erstmals in diesem Jahrhundert zu einem Geburtenknick. Wie das nationale Statistikamt Insee bekanntgab, ist die Zahl der Geburten im Vergleich zum Vorjahr um 19.000 auf 791.000 gesunken – der tiefste Wert seit 1999.

Damit sinkt auch die Gebärquote, bei der Frankreich bisher den Rekord in Kontinentaleuropa hielt. Von einst 2,3 Kindern pro Französin geht diese Rate auf 1,96 zurück. Das ist immer noch ein guter Wert. Zum Vergleich: In Österreich betrug die Geburtenziffer im Jahr 2014 1,46.

Opposition greift Hollande an

Trotzdem macht sich Frankreich Sorgen. Viele Demografen fragen sich, ob der Geburtenrückgang eine Trendwende einleite. Die Frage nach den Gründen ist auch ein Politikum ersten Grades, wie die Reaktion der Rechtsopposition zeigt: Sie wirft dem sozialistischen Präsidenten François Hollande vor, die Familien- und Kinderprämien seit 2012 gesenkt zu haben. Die Linke führte einkommensabhängige Prämien ein. Dies bewirkte, dass mehr als eine Million Haushalte monatlich 71 Euro an Kindergeld verloren.

Doch entscheidet das wirklich über einen Kinderwunsch? Marie-Laure Des Brosses von der Weltmütterbewegung erklärte, ihr sagten viele Eltern der Mittelklasse, sie müssten aus Budgetgründen auf ein drittes Kind verzichten.

Weiter viele potenzielle Mütter

Dass die Babyboom-Generation aus dem gebärfähigen Alter kommt, halten Demografen nicht für einen triftigen Grund: Die Zahl der potenziellen Mütter bleibe in Frankreich auf einem hohen Stand. OECD-Ökonom Oliver Thévénon sieht in der Geburtenbaisse eher eine "Spätfolge der Wirtschaftskrise".

Der Verband der Privatspitäler malt jedenfalls die Gefahr eines "Babykrachs" an die Wand und denkt bereits an den Abbau von Betten in den Entbindungsstationen. (Stefan Brändle aus Paris, 21.1.2016)

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