Leica: Die optische Verlängerung des Auges

20. Jänner 2016, 16:59
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102 Jahre nach ihrer Konstruktion 1914 feiern nun Peter Coelns Fotomuseum Westlicht und die Galerie Ostlicht ein gutes Jahrhundert Geniestreich: die Leica. Zu sehen sind Glanzstücke des Fotojournalismus

Wien – Die Leica hat Geschichte geschrieben. Mit der Kamera ist das Medium Fotografie im 20. Jahrhundert mobil und ein ernsthaftes Reportagewerkzeug geworden – der große Henri Cartier-Bresson nannte sie "die optische Verlängerung meines Auges".

Mit der Leica haben Generationen von Profis und Amateuren nicht nur neu aufnehmen, sondern auch anders sehen gelernt. Ihre Konstrukteure haben den Kinofilm genommen und aus ihm das Kleinbildformat entwickelt – 24 x 36 mm -, das bis heute, bis in die Beschreibungen der Brennweiten von Digitalkameras, einen bedeutenden Standard darstellt.

1914 konstruierte Oskar Barnack die "Ur-Leica" für die Ernst-Leitz-Werke im hessischen Wetzlar, ein ungewöhnlich kompaktes, dabei optisch hochwertiges Gerät; das Unternehmen hatte bereits jahrzehntelange Erfahrung im Bau von Mikroskopen und Fernrohren. Kriegs- und krisenbedingt gab der Firmenchef Ernst Leitz jr. erst elf Jahre später grünes Licht für den Serienbau: "Es gibt mehr Gründe für als gegen diese Kamera." Er sollte recht behalten.

Gemeinsam präsentieren nun das Fotomuseum Westlicht und die Galerie Ostlicht Ausstellungen über gut 100 Jahre Leica-Fotografie. Augen auf!, lautet jeweils die Aufforderung. Das Museum, aus dessen Beständen auch historische Kameramodelle ausgestellt sind, zeigt vor allem Klassiker des Fotojournalismus.

Das ikonische Porträt des Che Guevara etwa, als größten Abzug, den der Fotograf Alberto Korda je angefertigt hat; Erich Lessings Bilder vom Aufstand in Ungarn; Alfred Eisenstaedts Reportage aus Londoner Slums; sportliche Höchstleistungen, die Lothar Rübelt eingefangen hat; Großstadtszenen der Street-Photographers; Bilder von der Arktis, aus dem Dschungel, aus höchsten Höhen und aus Kellerlöchern.

Sie belegen, wie vielseitig Leicas als ständige Begleiter sind – vor allem die M-Serie der Sucherkameras -, und sie führen die souveräne Bildsprache vor Augen, zu der die Geräte in den richtigen Händen befähigen.

Peter Coeln, passionierter Leica-Fan und Chef beider Ausstellungsorte sowie des Leica-Shops, hat etliche Abzüge aus eigenen Beständen zur Verfügung gestellt. Auf Raritäten wie die privaten Kriegsfotos von Walter Henisch oder die frühesten Archive der Leitz-Werke ist er besonders stolz.

Im Ostlicht in der ehemaligen Favoritner Ankerbrotfabrik geht es um "Zeitgenossen", etablierte gegenwärtige Lichtbildner und Newcomer, Julia Baier etwa oder Jeffrey Silverthorne. Ihre Arbeiten stehen zum Verkauf.

Leicas haben als Reportagekameras gegen Konkurrenten aus Fernost an Terrain verloren. Das Unternehmen hat auch die digitale Entwicklung erst spät begriffen und einiges nachholen müssen. 2015 wurden weltweit geschätzte eine Billion Bilder geschossen, das ist eine Eins mit zwölf Nullen; die meisten digital und nebenbei, mit Smartphones und für den sozialmedialen Friedhof – in zwei Minuten, hat jemand ausgerechnet, so viele wie im ganzen 19. Jahrhundert.

Dem hält eine Minderheit Präzisionswerkzeuge made in Germany entgegen, mit denen man noch so arbeiten kann, als käme es auf jedes einzelne Bild an. Das hat seinen manchmal schwindelnden Preis. Die Ausstellungen führen vor, dass es auch seinen Sinn hat.

Gewichtige 560 Seiten

Der Katalog, ein in jeder Hinsicht gewichtiger Band (Kehrer-Verlag, Heidelberg/Berlin), verdient besondere Beachtung. Auf 560 Seiten vereint Augen auf! Reproduktionen von Vintageprints und Magazinseiten mit Texten über die technische, ästhetische und nicht zuletzt politische und kriegspropagandistische Bedeutung der Leica. Zu Wort kommen Experten wie Anton Holzer, Peter Hamilton und vor allem Hans-Michael Koetzle, der Fachautor und Sammler, der die Ausstellungen kuratiert hat und der Kamera vielfache Hochachtung erweist: "Ein Geniestreich in allen seinen konstruktiven Eigenheiten." (Michael Freund, 20.1.2016)

Westlicht bis 21.2., Ostlicht bis 13.2.

  • Fotojournalist Christer Strömholm nahm mit seiner Leica eine ganze Fotoserie mit der  Transgender-Pariserin Nana auf, hier etwa auf der Place Blanche 1961.
    foto: christer strömholm / strömholm estate, 2014

    Fotojournalist Christer Strömholm nahm mit seiner Leica eine ganze Fotoserie mit der Transgender-Pariserin Nana auf, hier etwa auf der Place Blanche 1961.


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