"Stabilität einer ganzen Region ist bedroht"

Interview21. Jänner 2016, 05:30
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Im Kampf gegen den IS ist die Hilfe des Westens und Russlands notwendig, sagt Amr Moussa, Ex-Generalsekretär der Arabischen Liga

STANDARD: Was ändert das Iran-Abkommen für die Region?

Moussa: Zuerst: Es ist ein gutes Abkommen. Nicht nur für den Iran. Denn es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Ich hoffe, dass die positive Entwicklung im Nahen Osten weitergeht, damit die Region bald frei von Atomwaffen ist. Das schließt aber notwendigerweise Israel ein.

STANDARD: Wie schätzen Sie die ökonomischen Auswirkungen ein?

Moussa: Das hängt von der regionalen Interaktion ab. Es hängt aber auch davon ab, was der Iran daraus macht.

STANDARD: Glauben Sie, dass dieses Abkommen dazu beiträgt, die Beziehungen zwischen dem Iran und Saudi-Arabien zu verbessern?

Moussa: Die Frage ist nicht nur, was sich zwischen den beiden Staaten ändert. Es geht um die regionale Dimension, was den Iran und Saudi-Arabien inkludiert. Dabei handelt es sich auch nicht nur um bilaterale Probleme oder religiöse, das geht viel tiefer und hat eine längere Geschichte. Aber jetzt sehen wir eine neue arabische Welt. Es wird nicht mehr akzeptiert, dass einer alles vorgibt, wenn es etwa um Sicherheitsfragen in der Golfregion geht. Wir brauchen den Iran als positive Kraft, genauso die Türkei, um eine neue Ordnung im Nahen Osten herzustellen.

STANDARD: Was verstehen Sie genau unter neuer Ordnung für den Nahen Osten?

Moussa: Eine Ordnung, die einen Rahmen für ökonomische Kooperation und Sicherheit bietet, und zwar ohne konfrontative Kräfte. Die allgemeine Sicht ist doch: Die arabischen Länder sind in einer schwachen Position, wenn man sich etwa den Jemen anschaut. Das ist eine vollkommen falsche Sichtweise. Was wir brauchen, ist, dass wir uns zusammensetzen und unsere eigenen Probleme lösen.

STANDARD: Aber Saudi-Arabien hat versucht, Probleme im Jemen auf seine Weise zu lösen, und war damit nicht erfolgreich.

Moussa: Das kann natürlich nicht in einigen Tagen oder Monaten gelöst werden. Eine Politik, die darauf setzt, dass Bürger aufeinander losgehen und eine Teilung erreichen wollen, kann und darf keinen Erfolg haben.

STANDARD: Der sogenannte Islamische Staat, IS, ist eine Bedrohung für die ganze Region. Was können und müssen Staaten in der Region tun, um den IS zu bekämpfen?

Moussa: Das ist eine Bedrohung, der man nur begegnen kann, indem man sich die Wurzeln anschaut. Man muss sich die darunterliegenden Probleme ansehen, auch die soziale Lage, die das hervorgebracht hat.

STANDARD: Ist die Hilfe des Westens willkommen, um die Terrormiliz zu bekämpfen? Auch jene Russlands?

Moussa: Wir brauchen jede Hilfe. Die Stabilität einer ganzen wichtigen Region ist bedroht. Wir brauchen die Hilfe, aber so, dass wir alle gewinnen – nicht dass nur die großen Mächte gewinnen und die anderen den Preis zahlen, wie meistens.

STANDARD: Aber was machen die arabischen Staaten selbst, zum Beispiel in Syrien?

Moussa: Wir reden miteinander auf verschiedenen Ebenen, auch mit der Zivilgesellschaft. Wenigstens um sicherzustellen, dass wir Kerry und Lawrow nicht allein das Feld überlassen. (Alexandra Föderl-Schmid aus Davos, 21.1.2016)

foto: epa
Amr Moussa (79) war zwischen 2001 und 2011 Generalsekretär der Arabischen Liga. Seit September 2012 ist der ehemalige Außenminister Ägyptens Vorsitzender der Konferenzpartei.
  • Schulmädchen verfolgten am Sonntag die Rede von Präsident Hassan Rohani im iranischen Parlament. Tags zuvor war in Wien die Aufhebung der Wirtschaftssanktionen gegen den Iran verkündet worden.
    foto: afp / atta kenare

    Schulmädchen verfolgten am Sonntag die Rede von Präsident Hassan Rohani im iranischen Parlament. Tags zuvor war in Wien die Aufhebung der Wirtschaftssanktionen gegen den Iran verkündet worden.

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