Das Fest der Vampirfische

21. Jänner 2016, 15:20
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Im Frühjahr kommen in Spanien und Portugal Meerneunaugen an die Atlantikküste. Der Appetit auf das aalförmige Wirbeltier ist groß

Zwischen Jänner und Mai herrscht in dem spanischen Dorf Arbo Hochsaison: Dann kommen die Neunaugen. Sie ziehen vom Atlantik den Fluss Miño hinauf, um sich zu paaren und abzulaichen. Arbo liegt in Galicien, nahe der der Grenze zu Portugal. 60 Kilometer hinter der Küste haben die Fischer ihre Reusen aufgehängt. Was gefangen wird, kommt in den Topf. Tausende Gäste wollen jedes Jahr im April Neunaugen kosten. Sie kommen zur Festa da Lamprea, die mehrere Tage dauert. Dass die Spanier die Tiere überhaupt essen dürfen, liegt an der langen Tradition des Festes. Denn eigentlich sind Neunaugen in ganz Europa auf der Roten Liste gefährdeter Arten.

Meerneunaugen sind relativ unansehnliche Tiere und dabei doch beeindruckend. Sie sind Parasiten. Mit ihrem Maul, das an der Unterseite ihres kieferlosen Kopfes sitzt, saugen sie sich an einem Wirt fest, einem Lachs oder einem Kabeljau. Dann raspeln sie mit ihrer bezahnten Zunge ein Loch in den Leib des Wirts. Aus dieser Wunde quillt das Blut, von dem sie sich mehrere Monate lang ernähren.

Kein Fisch, viel Fleisch

All das tun sie seit sehr langer Zeit. 360 Millionen Jahre alte, versteinerte Reste sind den heutigen Tieren recht ähnlich. Die urtümlichen Wirbeltiere haben sich kaum verändert. Sie werden bis zu einem Meter lang und sind keine Fische. Bis heute haben sie zwar ein Rückenmark und ein zentrales Nervensystem, aber keine Gräten, sondern einige wenige Knorpel, die das Rückgrat, den Schädel und die Kiemen verstärken. Am Rücken und Schwanz haben sie einen Flossensaum. Und sie haben keine Schuppen, sondern eine glatte Haut, die sich schleimig anfühlt.

Es gibt fast 50 Arten, die früher in ganz Europa weit verbreitet waren und auch in Österreich eine beliebte Fastenspeise waren, wie Karin Kranich von der Universität Graz weiß. "Sie galten als gesundes Essen, das das Blut erneuert", sagt die Mediävistin, "vorausgesetzt, man bereitete sie mit den entsprechenden Gewürzen zu." Muskatblüte, Ingwer oder Galgant glichen den feuchtkalten Charakter des Tieres aus, so die mittelalterliche Gesundheitslehre.

In Österreich und in ganz Mitteleuropa gab und gibt es vereinzelt Fluss- und Bachneunaugen. Sie leben jahrelang als blinde, zahnlose Larven und ernähren sich von gefiltertem Plankton. Während die Meerneunaugen nach einer Metamorphose ins Meer ziehen und sich von Blut ernähren, wandern Fluss- und Bachneunagen nur innerhalb ihres Heimatgewässers zum Laichen flussaufwärts. Sie nehmen nach der Metamorphose keine Nahrung mehr auf. Aus den meisten Flüssen und Bächen sind sie aber bereits verschwunden.

Stauwehr als Fallen

Auch in Spanien gibt es immer weniger Neunaugen. Das treibt in Arbo die Preise in die Höhe. 70 Euro kostet mittlerweile ein Kilo. Was den Tieren europaweit den Garaus macht, sind die Wehre und Kanäle in den Flüssen. Sie versperren den Weg zu den Laichgründen. Für den Meeresbiologen Fernando Cobo, der an der Universität von Santiago seit mehr als zehn Jahren zu den Neunaugen forscht, sind die Staudämme Todesfallen. Sie lassen auch andere Wanderfische wie Aale, Lachse, Maifische oder Meerforellen scheitern.

"Jedes Jahr sehen wir das Gewimmel vor den Staumauern"" sagt Cobo, "die Fische versuchen so lange, sie zu überwinden, bis sie nicht mehr können. Schließlich sterben sie, ohne sich gepaart und abgelaicht zu haben." Früher seien sie 300 Kilometer weit den Fluss hinaufgezogen, erzählt er, "heute sind ihnen mehr als 70 Prozent galicischer Flussläufe verschlossen."

Trotzdem boomt die Lampretengastronomie. Der Ruf als Vampirfisch lockt Neugierige. In Spanien sieht man immer öfter Lampretenrezepte auf der Speisekarte, auch in den Restaurants der Sterneköche. Nicht alle gefangenen Tiere werden registriert, wie es die galicische Fischereibehörde vorschreibt. "Die offiziellen Zahlen lagen in der letzten Saison nur für den Miño und seine Nebenflüsse bei 20.000 bis 25.000 gefangenen Neunaugen", sagt Fernando Cobo. Doch eine Studie, die er mit Wirtschaftswissenschaftern durchgeführt hat, ergab, dass mindestens 200.000 Meerneunaugen gefangen worden waren. Dazu kommen illegal gefischte Tiere. Nach mehr als 300 Millionen Jahren auf der Erde sind die Tiere nun massiv vom Aussterben bedroht. (Brigitte Kramer aus Arbo, 21.1.2016)

  • Es gibt 360 Millionen Jahre alte Fossilien, die zeigen, dass sich das Neunauge seither nur wenig verändert hat.
    foto: ap/rick bowmer

    Es gibt 360 Millionen Jahre alte Fossilien, die zeigen, dass sich das Neunauge seither nur wenig verändert hat.

  • Tausende Touristen und Einheimische wollen jedes Jahr Neunaugen kosten. Die Abenteuerlust auf dem Teller wird dem Tier zum Verhängnis.
    foto: reuters/jose manuel ribeiro

    Tausende Touristen und Einheimische wollen jedes Jahr Neunaugen kosten. Die Abenteuerlust auf dem Teller wird dem Tier zum Verhängnis.

  • Eigentlich steht das lebende Fossil in ganz Europa auf der Roten Liste gefährdeter Arten.
    foto: ap/rick bowmer

    Eigentlich steht das lebende Fossil in ganz Europa auf der Roten Liste gefährdeter Arten.

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