Die Stunde der Feministen

Blog21. Jänner 2016, 16:04
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In der arabischen Kultur werden Frauen massiv benachteiligt. Das ist plötzlich auch unser Problem. Dem Erkenntnisschock folgen allzu oft die falschen Schlüsse

"Die Menschheit hat den Verstand verloren", schrieb Astrid Lindgren in ihren Kriegstagebüchern 1939–1945, die vor kurzem aufgelegt wurden. In beklemmend beiläufiger Weise beschreibt die große Schriftstellerin darin ihre Beobachtungen zu den Geschehnissen in Europa und ihren vergleichsweise friedfertigen Alltag in Schweden. Parallelen zu heute sind durchaus nicht nur zwischen den Zeilen zu finden – das ist das Unheimliche daran.

Bar jedes Verstands verläuft zum Teil die Debatte über die massenhaften sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht in Köln. Hier haben Boulevard und seriöse Medien, nach einer Schockstarre von mehreren Tagen, in seltener Einigkeit aus einem Kriminalfall in Deutschland ein gesamteuropäisches Thema gemacht. Frauenrechte sind plötzlich in aller Munde, rechte Parteien sind in ihrem Element, Neonazis meinen, endlich einen "guten" Grund zu haben, Asylwerber physisch zu hetzen.

Die parodistische "Heute-Show" des ZDF twitterte nach Köln: "Eilt! Die Zahl der Integrationsexperten hat soeben die Zahl der Bundestrainer überholt!" Man möchte ergänzen: Und die Zahl der Feministen schlägt sie alle.

Behütet und entmündigt

So geschützt, behütet – und gleichzeitig entmündigt – hat sich frau selten gefühlt. Da wird schwadroniert, psychologisiert und pauschal geurteilt, dass es eine Lust ist. Auch seriöse Medien gefallen sich darin Beiträge abzudrucken, in denen "der Islam" als grundsätzlich frauenverachtende, bedrängende und unterdrückende Religion bezeichnet wird. Man merkt oft nicht einmal, dass diese Pauschalisierungen an den Rand des Rassismus – und manchmal sogar darüber hinaus – führen.

Die sexuellen Übergriffe von Köln sind schlimm, frau muss das immer betonen. Es muss furchtbar gewesen sein, dieser Welle an Gewalt und Verachtung ausgesetzt zu sein. Die Täter waren zum Großteil Nordafrikaner – das wirft ein schiefes Licht primär auf die Männer selbst, sekundär auch auf die Länder, aus denen sie kommen. Sie sind Muslime – das muss aber im Umkehrschluss nicht heißen, dass diese Religion frauenverachtender, unterdrückender, gewalttätiger wäre als alle anderen Religionen.

Missbrauchte Religion

Zu allen Zeiten wurden Religionen missbraucht: für Gewalttaten, Herrschaftsausübung, für terroristische Akte (aktuell etwa durch den IS, vor gar nicht langer Zeit in den Konflikten um Nordirland). Religion wird vorgeschützt, wenn es etwa darum geht, Teile der Bevölkerung zu unterdrücken, kleinzuhalten, unsichtbar zu machen. In vielen arabischen Ländern ist das zweifelhafte "Tradition". Die Herrschenden definieren, was Tugend ist und Recht, sie nehmen die Religion als Vorwand, um ihre Herrschaft zu untermauern. Und es gibt viele hochrangige Vertreter der Religionsgemeinschaften, die das zu allen Zeiten unterstützt haben. Es wäre Aufgabe des (jedes) Staates, alle seine Bürger zu schützen – und vielerorts kommt er dieser Aufgabe nicht oder nur unzureichend nach.

Vergewaltiger gibt es überall. Männer, die Frauen unterdrücken, über sie, körperlich, seelisch und wirtschaftlich, Macht ausüben, gibt es auch überall – und man sollte dringend darüber diskutieren, ob nicht alle Weltreligionen Schuld daran haben, im Namen einer teils zweifelhaften Tradition das Empowerment und die Gleichberechtigung von Frauen nicht eben zu fördern, sondern teilweise aktiv zu behindern.

Recht haben wollen

Die österreichische "Prävalenzstudie zur Gewalt an Frauen und Männern" 2011 ergab, dass drei von vier Frauen (74,2 Prozent) schon einmal sexuell belästigt wurden. Die katholischen Länder Südamerikas zählen für Frauen zu den gefährlichsten der Welt. Das sind bekannte Fakten – wo blieb da der Aufschrei der Feministen, die jetzt so besorgt sind? Es wäre genau die richtige Zeit, um ernsthaft über Bildung, Aufklärung, Verantwortung (auch von Medien) zu reden. Stattdessen will jede Seite nur recht haben. Die Rechten zitieren neuerdings Alice Schwarzer, die Linken tun sich schwer, die Probleme zu benennen.

Wer sich für eine differenziertere Sichtweise ausspricht, gilt im besten Fall als unverbesserlich naiv. "Köln" ist das Ventil für lange aufgestauten Frust, Angst und Hilflosigkeit angesichts der hunderttausenden Flüchtlinge, die nach Europa drängten und weiter drängen werden. Nur ist weder den Frauenrechten noch sonst irgendwas oder irgendwem damit gedient, wenn jeder seine Emotionen rauswürgt und Stereotype und Negativklischees bedient. (Petra Stuiber, 21.1.2016)

  • Demo nach den sexuellen Übergriffen in Köln.
    apa/dpa/oliver berg

    Demo nach den sexuellen Übergriffen in Köln.

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