Eier von der Nachbarin schnorren

21. Jänner 2016, 15:00
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Mindestmaß an Kommunikation versus implizierte Hilflosigkeit

foto: ap / charlie neibergall

Pro
von Ljubisa Tosic

Herzliche Nachbarschaft sollte nicht zu spät als höchstes Gut erkannt werden – etwa erst, wenn es bei der Hausmitbenutzerin schon etwas komisch riecht! Ein Mindestmaß an Kommunikation verhindert ja nicht nur Schlimmstes; es beugt auch Missverständnissen vor. Bei entspannter Nachbarschaftspflege ist es niemals peinlich mehrdeutig, Lebensmittel der Damen von gegenüber zu begehren. Selbst wenn es sich dabei um Symbole des werdenden Lebens, der Fruchtbarkeit oder der Hoffnung handelt, also um Eier.

Auch die edelste, pragmatische Absicht gerät allerdings bei täglicher Anwendung in Imageprobleme. Es gilt also die Balance zwischen Geben und Nehmen zu halten; es gilt, kurzum, die Gesetze der immer mehr in Mode schlüpfenden guten alten Tauschwirtschaft zu befolgen.

Und wer meint, durch Täuschung, also simulierten Eiermangel, etwas in horizontale Wege leiten zu müssen, dem sei der Spruch eines weisen Hallodri mit auf den Weg gegeben: "Fang dir nie dort etwas an, von wo du nicht auch schnell – auf Nimmerwiedersehen – verduften kannst!"

Kontra
von Fabian Schmid

Wer vor der Tür seiner Nachbarin steht, um Eier zu schnorren, kommuniziert damit drei Botschaften, die höchst problematisch sind. Erstens: "Ich bin nicht erwachsen genug, um akkurate Einkaufslisten zu schreiben." Zweitens: "Ich bin zu faul, um zum nächsten Supermarkt, Bäcker oder Bahnhof mit 24-Stunden-Shop zu gehen." Drittens: "Ich benötige diese Eier so dringend, dass ich nicht ein paar Stunden auf offene Geschäfte warten kann."

Diese Melange impliziert eine Hilflosigkeit, die man der Nachbarin (oder natürlich dem Nachbarn) – vor allem bei horizontalen Anbahnungsversuchen – wohl kaum vermitteln will. Man könnte die Dame dann gleich bitten, einem die Eierspeise zuzubereiten oder den Kuchen zu backen.

Nachbarschaftlicher Warentausch sollte vor allem aus Geben bestehen. Der Besuch hat abgesagt, die Torte steht schon auf dem Tisch: eine großartige Möglichkeit, ein paar Pluspunkte nebenan zu sammeln. Die Paradeiserernte fiel üppig aus: die beste Chance, ein paar Himbeeren vom Nachbargarten abzustauben. Keine Eier daheim: Pech gehabt. (RONDO, 22.1.2016)

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