Italienischer Filmemacher Ettore Scola gestorben

20. Jänner 2016, 14:39
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Galt als italienischer Meister der populären, politischen Filmkomödie

Rom – Man muss schon aus einem sehr kleinen Dorf stammen, um ein solches Vertrauen in die Erzählkraft von Mikrokosmen zu haben. Ettore Scola wurde 1931 in dem Flecken Trevico geboren, der damals weniger Einwohner hatte als das Mietshaus in seinem preisgekrönten Film Ein besonderer Tag von 1977. Die Familie zog nach Rom, als er noch ein Kind war. Diese Größenverhältnisse sind hilfreich, um sein filmisches Universum zu vermessen.

Meist steckte er sich einen engen erzählerischen Radius, den er dann zu einem Panorama der italienischen Gesellschaft erweiterte. Dieser Meister des intimen Freskos ging in jedem Film eine Wette mit selbst auferlegten Beschränkungen ein. Wechselweise hielt er die klassischen Einheiten von Raum oder Zeit ein, um komplex verzweigte Handlungskonstellationen zu entfalten. In Le Bal (1983) ließ er fünf Jahrzehnte, in Die Familie (1987) gar 80 Jahre italienischer Zeitgeschichte an einem einzigen Ort Revue passieren. In Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen (1976 Regiepreis in Cannes) wird eine Wellblechhütte zu einem Welttheater der Niedertracht. In Kammerspielen wie Ein besonderer Tag und Wie spät ist es? (1989) hingegen genügte ihm ein einziger Tag, um Biografien seiner Protagonisten schlaglichtartig zu verdichten.

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Trailer zu Ettore Scolas "Brutti, sporchi e cattivi" (Die Schmutzigen, die Häßlichen und die Gemeinen).

Seine raffinierten Konstruktionen waren nicht bloße Laborversuche des Erzählens. Sie stellten Fragen an die Gesellschaft. Sein Blick für soziale Widersprüche wurde bei der satirischen Wochenzeitschrift Marc' Aurelio geschärft, die er schon als Jugendlicher mit Karikaturen belieferte. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam er als Gagschreiber und Drehbuchautor zum Film.

Die Probleme seiner Heimat verlor er nie aus den Augen: Arbeitslosigkeit, das Nord-Süd-Gefälle, der Verlust der kulturellen Identität, später die Lethargie der Linken. Das Unbehagen an Lebensentwürfen, die der wirtschaftliche Boom diktierte, wurde in den 60er-Jahren zur Triebfeder seiner Komödien. Deren volkstümliche Subversion wurzelte in der Wirklichkeitsbetrachtung des Neorealismus. In Eifersucht auf Italienisch vermählte er das Politische und das Private mit ungekannter Selbstverständlichkeit. In seinem Meisterwerk Wir hatten uns alle so geliebt erschloss sich dieser zärtlich-sarkastische Ethnologe 1974 die italienische Nachkriegsgeschichte, in dem er einen Freundeskreis porträtiert, der die Ideale der Widerstandsbewegung zusehends verraten sieht.

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Ausschnitt aus Ettore Scolas "Una giornata particolare" (Ein besonderer Tag).

1982 erlitt Scola während der Dreharbeiten zu Le Bal einen Herzinfarkt. Er nahm eine Auszeit und schwor sich, nun ein besserer Filmemacher zu werden. Der Tonfall seiner Filme änderte sich, wurde nostalgischer, melancholischer. Die törichten Umbrüche der italienischen Gesellschaft empörten ihn weiterhin. Nun ist der letzte Überlebende des populären, politisch wachsamen Kinos in Rom einem neuerlichen Infarkt erlegen. Seine Filme werden noch besser werden. (Gerhard Midding, 20.1.2016)

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Ettore Scola @ IMDb

Hinweis

Drei Filme von Ettore Scola laufen im Rahmen der aktuellen Retrospektive "Rom. Eine Stadt im Film" im Österreichischen Filmmuseum in Wien:

  • Dramma della gelosia (Eifersucht auf Italienisch) (1970)
    Sa, 23.1., 20.30
    Mo, 8.2., 18.30
  • C'eravamo tanto amati (Wir haben uns so geliebt) (1974)
    So, 31.1., 16.00
  • Brutti, sporchi e cattivi (Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen) (1976)
    Sa, 6.2., 16.00
  • Drehbuchautor und Regisseur Ettore Scola im Jahr 2015.
    foto: ap/riccardo de luca

    Drehbuchautor und Regisseur Ettore Scola im Jahr 2015.

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