Das Brot, das die Inselanwälte essen

Blog20. Jänner 2016, 07:00
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Ungeklärte Eigentumsverhältnisse. Das ist das Brot, das die Inselanwälte essen. Als Aufstrich gibt's Erbschaftsstreit, murksige Nottestamente, Zaunstreitereien und Schiebereien rund um Grund und Boden

Es ist vier Jahre her. Zum ersten Mal in meinem Leben brauche ich einen Anwalt. Auf der Insel Brač. Über seinem Schreibtisch hängt das Foto einer Büste von Julius Cäsar.

Ungeklärte Eigentumsverhältnisse

Das ist das Brot, das die Inselanwälte essen. Als Aufstrich gibt's Erbschaftsstreit, murksige Not-Testamente, Zaunstreitereien und Schiebereien rund um Grund und Boden. Und so karg der Bračer Boden auch sein mag, der Streit um Häuser, Boote, Weinfelder, Olivenhaine und Wegrechte blüht hier üppig.

Oft liegt es einfach daran, dass ein verlassenes, altes Haus und das dazugehörige Grundstück sechzehn Eigentümer haben. Zehn davon sind schon tot, zwei leben gerade noch in Argentinien, zwei in Australien, einer in Neuseeland und einer in Kanada. Der Neffe von dem in Kanada lebenden Greis beschließt das Haus der Ahnen zu kaufen, zu renovieren und für sich und seine Kinder als Ferienheim in der alten Heimat zu nutzen. Dann erfährt der nostalgische Neffe von den anderen lebenden Besitzern. Und ihren inzwischen drei Dutzend Erben. Schon braucht der Neffe einen Inselanwalt.

Der Cäsar von Sutivan

Als ich einen Anwalt brauche, rät mir Ivica Rakela zu seinem Namensvetter, dem jungen Anwalt Ivica Smišan, der aus Sutivan ist und für Rakelas Bar Palma die Terrasse über dem Meer ermöglicht. Den jungen Anwalt nennen alle nur "der kleine Smišan", weil auch sein Vater (der "alte Smišan") Anwalt ist. Und ein weiser Mann. Der Vater-Anwalt gibt seinem Sohn-Anwalt einen Rat: "Ive, sei Anwalt in Supetar, und nimm keine Fälle, wenn Leute aus Sutivan miteinander streiten." Mich nimmt Ivica als Klienten, nur weil ich nicht in Sutivan geboren bin und nicht hier lebe.

Seine Kanzlei liegt am Fisch- und Gemüsemarkt im Zentrum von Supetar. Hier ist es laut, und es riecht hauptsächlich nach Fisch. Das Haus mit Ivicas zwei Zimmerchen im ersten Stock ist gut 500 Jahre alt. Die Treppe ist noch im Originalzustand, so wie sie im frühen 16. Jahrhundert gebaut wurde. Und seitdem ist sie nie wieder von einer Maurerkelle gestreichelt worden. Über seinem Schreibtisch ist das Foto einer Büste von Julius Cäsar. Den ich mit Gaius Noster verwechsele.

Ivica hat einen Anrufbeantworter. Aber die meisten seiner Klienten hinterlassen ihre Nachrichten bei den zwei Gemüseverkäuferinnen neben der Treppe zu Ivicas Büro. Nach dem Fischkauf. Ivica nennt die beiden "seine Mädchen". Und sie, routinierte Ehefrauen knorriger Fischer und Gemüsebauern, finden Ivica, wie sie selbst sagen, "schön wie eine Puppe, der schönste Anwalt von Brač!" Ivica grinst. Der Dreitagebart steht ihm gut. Seine Zähne sind schneeweiß.

Ein Jahr später macht Ivica dasselbe, was schon vor vielen Jahren sein Vater gemacht hat. Er hört auf, Anwalt zu sein. Er sagt mir: "Das ist so schmutzig, ich pack's nicht!" Dann nimmt er einen Job bei der Stadtverwaltung von Supetar. Als Hausjurist. Sein Büro ist gleich neben dem Büro der Bürgermeisterin. Hierher dampft eines Tages ein hemdsärmeliger Unternehmer. Er ist unzufrieden mit einer Entscheidung der Gemeinde, betreffend die Wegrechte durch seine geschwulstartige Hotel- und Appartementanlage. Dieser Mann ist einer der lokalen Dinosaurier, die ihr Vermögen in den Wirren der Privatisierung in den 90er-Jahren gemacht haben. Und er sieht tatsächlich wie eine fleischgewordene, verschwitzte, rotlackierte Dampfwalze aus.

Als der Mann versucht, der Bürgermeisterin einen Kinnhaken zu verpassen, stellt sich Ivica in den Weg der Dampfwalze. Obwohl er Wing-Chung beherrscht und den zornigen Magnaten mit dem Zeigefinger zu Boden schicken kann, senkt Ivica seine Hände und sagt nur: "Bürgermeisterin, Sie sind Zeuge, was auch immer jetzt geschieht!" Ja, Ivica! Sei biegsam wie der Bambus im Wind! Das und sein Leibwächter stoppen die schwitzende Walze. Der Zwischenfall im Rathaus von Supetar sind der "Slobodna Dalmacija" einen Bericht samt Interview mit allen Betroffenen wert. Wochenlang muss Ivica grinsend die Beifallskundgebungen der Stivanjani und vieler Supetrani ertragen. Auch meine.

Strom ist Fortschritt

Auf Brač hört man die Geschichte der zwei Brüder, die um das geerbte Haus streiten. Je nachdem, wer die Legende erzählt, sind die Brüder mal aus Milna, mal aus Supetar und mal aus Sutivan. Klar ist nur, dass die Geschehnisse rund um diesen Streit nach der Elektrifizierung der Insel in den 1950ern stattfinden. Weil es um eine Glühbirne geht.

Nachdem die beiden Brüder bereits um jedes Möbelstück und jeden Teller gestritten haben, bleibt am Ende nur noch eine Glühbirne. Die lässt sich nicht teilen, aber jeder der beiden beansprucht ihren Besitz. Darüber gerät der Richter in Rage, zumal die fragliche Glühbirne kaputt ist. Die Antwort der Brüder erfolgt als Duett: "Ja, kaputt ist sie! Aber nur bei Nacht!"

Freiheit ist ein Boot (und ein wenig Wind)

Mein neuer Anwalt hat in dieser Geschichte keinen Namen. Mein neuer Anwalt ist eine Legende auf Brač. Das genügt. Er ist fast zwei Meter groß, aber nicht von der muskulösen Sorte. Mehr wie jemand, der noch etwas Babyspeck überall hat, aber nicht dick ist. Und er ist unter den Inselanwälten gefürchtet. Weil er ein Eigenbrötler ist. Ein humorvoller Zyniker, der trotzdem Humanist ist. In Wahrheit fürchten die anderen Inselanwälte seine Fantasie und seine Sachkenntnis.

Als er nur ein kleiner Junge ist, hat er einen jungen Schafbock als Haustier. Bis das ungestüme Tier eines Tages in die Vorratskammer einbricht und zu viel Mais verschlingt. Der Magen bläht sich bis zum Platzen auf. Der Papa des Anwalts häutet den Bock, spießt ihn über Holzglut auf und lässt die ganze Familie zum unerwarteten Bankett antreten. Ich nehme an, das ist der Tag, an dem der kleine Junge beschließt Anwalt zu werden.

Mein Anwalt hat ein Segelboot. Es ist alt und aus Holz. Man muss es immerzu kalfatern, Planken austauschen und kitten. Aber wenn der Wind stimmt, reitet es auf den Wellen wie ein Delphin. Hier ist mein Anwalt allein mit sich selbst. Und dem Universum. Dem ohne Mobiltelefonie und Internet. Nur er, sein Boot, ein wenig Wind. Die Insel seines Inselanwaltslebens ist im Dunst des Herbstes unsichtbar.

Zwischenfall in der Bäckerei

An diesem Morgen wankt Tomo in die Bäckerei. Und prügelt auf seine Schwägerin ein, die hier das Brot verkauft. Die Arme versucht auf die Gasse zu laufen, und Tomo hilft ihr dabei. Mit Fußtritten. Auf der Gasse tritt er weiter auf die Schwägerin ein, die mittlerweile auf dem Boden liegt. Dann springen einige Männer auf und vertreiben Tomo. So werde ich zufällig Zeuge, wie sich Erbstreit mitunter manifestieren kann.

Als ich dazukomme, trägt man die geprügelte Frau gerade ins Rettungsauto. Bald ist auch die Polizei da, weil es gilt, Tomo zu finden. Wieder mal. Dann kommt ein Anruf für die Polizisten. Tomo ist im "Macel". Dem ehemaligen Dorf-Schlachthaus, das jetzt eine trendige Strandbar ist. Mit Hotspot, Cocktails und "Bet and Loose". Wie so oft in den letzten zwanzig plus Jahren, holen die Inselpolizisten Tomo aus dem "Macel", er leistet keinen Widerstand und seine Frau lässt sich einige Tage lang nicht in Sutivan blicken. Alles Weitere ist Sache eines Inselanwalts.

Der Grund für die böse Tat ist ein Erbschaftsstreit unter Schwägern, der vor zwanzig plus Jahren für Tomo ungünstig endet. Weil der Inselanwalt seiner Schwägerin der Cousin des Richters ist. Sagt Tomo. Und immer so weiter … (Bogumil Balkansky, 20.1.2016)

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    foto: dpa
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