Wenn neue Spitäler alt aussehen

Kommentar19. Jänner 2016, 18:36
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Das Gesundheitssystem muss moderner und effektiver werden

Schon die Namen der Wiener Krankenhäuser – Wilhelminenspital oder Kaiser-Franz-Josef-Spital – lassen erahnen, wann sie gegründet wurden. Die historischen Pavillons im Krankenhaus Hietzing zeigen gut, wie sich das Verständnis von Krankenhausarchitektur in den vergangenen 150 Jahren geändert hat.

Allerdings: Selbst vergleichsweise neue Krankenhäuser sind heute alt. Ob Donauspital oder Allgemeines Krankenhaus, ständige Sanierungs- und Adaptierungsarbeiten sind notwendig, um mit dem medizinischen Fortschritt mithalten zu können. Das ist Udo Janßen, dem Generaldirektor des Wiener Krankenanstaltenverbundes (KAV), durchaus bewusst. Er verhehlt nicht, dass das milliardenschwere Projekt Krankenhaus Nord bereits technisch alt aussehen könnte, wenn es 2017 eröffnet wird – immer vorausgesetzt, das Projekt verzögert sich nicht noch weiter.

Um dieses Prestigeprojekt ist es ruhiger geworden. Bisher war es ein zentraler Bestandteil des "Spitalskonzepts 2030", zumindest vor fünf Jahren, als es erstmals präsentiert wurde. Ein paar Fehlkalkulationen und eine Wien-Wahl später soll es zwar immer noch eine wichtige Rolle im Wiener Gesundheitssystem spielen, aber nicht mehr die zentrale. War ursprünglich von einer Entlastung des chronisch überfüllten AKH die Rede, soll es jetzt zu einer von drei Spitalsregionen gehören. Denn beim Haus am Gürtel zahlt der Bund mit: Aus Wiener Sicht gibt es keinen Grund, den Kapazundern im AKH Versorgungskompetenzen zu entziehen, auch wenn es sinnvoller wäre. Finanziell ist es für Wien aber praktischer, wie es jetzt ist. Der Streit ist so alt wie manche Spitäler, der Dauerpatient heißt Föderalismus.

Der Wiener Plan hat auch etwas Gutes: Die Idee, etwa onkologische Fachzentren zu bilden, kann sich sehen lassen. Es ist Faktum: Je mehr Patienten in einer Klinik behandelt werden, desto höher sind die Erfahrungswerte der Ärzte zum Wohle der Patienten. Das soll die Zukunft sein.

Wäre da nicht die Sache mit den Wartezeiten. Das ist die Gegenwart. Ob Strahlentherapie oder Hüftoperation, mit sofortiger Behandlung darf man als Wiener Patient nur im Notfall rechnen. Weiteres Beispiel sind die zahlreichen Gangbetten, die in den Wiener Spitälern nicht einmal mehr beklagt werden, weil sie einfach schon dazugehören. Oder die vielen Ärzte, die nicht mehr daran glauben, dass Umstrukturierungen zugunsten ihrer Entlastung geplant werden. Die Schwachstellen in der Wiener Gesundheitsversorgung gehören leider noch nicht der Vergangenheit an.

Bei der Misere spielen viele Faktoren zusammen. Dass der niedergelassene Bereich vernachlässigt wird, ist einer davon. Dabei betont Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely stets, diesen verstärkt einbeziehen zu wollen. Die Ambulanzen zu entlasten ist wichtig, keine Frage. Nur werden Primärversorgungszentren diese Aufgabe so schnell nicht übernehmen können, auch wenn das immer wieder gefordert wird. Und Wehsely und Janßen wissen ganz genau, dass es nicht in ihrem Einflussbereich liegt, Kassenverträge zu vergeben. Dafür ist die Gebietskrankenkasse zuständig, die sich aber schon allein wegen ihrer finanziellen Notlage nicht angesprochen fühlt.

Es ist notwendig, Konzepte zu entwickeln, die Veränderungen, vor allem aber Verbesserungen bringen. Sonst wird aus der Zukunft Vergangenheit, bevor sie begonnen hat. (Marie-Theres Egyed, 19.1.2016)

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