Warum der tiefe Gaspreis nicht beim Kunden ankommt

Analyse20. Jänner 2016, 08:00
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Der Großhandelspreis sinkt, aber Kosten für Bau und Erhaltung von Pipelines und Speichern steigen

Wien – Aus dem Gasmarkt ist der Druck raus. Sagten Experten vor nicht allzu langer Zeit noch eine Verknappung des Gasangebots vorher, weil die Nachfrage rascher steige, als Gas aus dem Boden geholt werden könnte, ist das Gegenteil eingetreten. Selten zuvor gab es so viel frei handelbares Gas wie jetzt. Die Nachfrage war in den vergangenen Jahren konjunktur- und witterungsbedingt mau. Die Preise stürzten in den Keller und sind nun zur Tiefgarage unterwegs.

Obwohl die Ölpreisbindung in der traditionellen Form nicht mehr existiert: Öl ist, weil Ersatzbrennstoff, noch immer die wichtigste "Referenzwährung" für den Gaspreis. Wenn das Fass Brent, die edelste und teuerste in Europa verkaufte Ölsorte, auf deutlich unter 30 Dollar sinkt, müssen es auch die Gasproduzenten billiger geben. Auch wenn die Verbilligung bei den Konsumenten stets verspätet ankommt, hat der Gaskunde den Eindruck, dass die über die Netztarife zu begleichenden Kosten für die Gasinfrastruktur fast höher sind als das Gas selbst.

Netzpreise reguliert

Was Bau und Erhaltung des Gasnetzes betrifft, ist das, was an die Endkunden verrechnet werden darf, in der EU vorgegeben. Ohne Aufsicht der Regulierungsbehörden wären die Netztarife wohl um einiges höher als sie es ohnehin sind. Die Netztarife sind gestiegen, weil die Branche mit Zustimmung des Regulators Milliarden-Investitionen in die Leitungsinfrastruktur getätigt hat. Das muss nun refinanziert werden.

Ein nicht unbeträchtlicher Teil der Investitionen kann als Vorsorge für den Ernstfall gewertet werden. Sollte wieder einmal zu wenig oder gar kein Gas von Ost nach West strömen, ist Europa nicht mehr so blank wie noch vor ein paar Jahren. Eine der Lehren diverser Gaskrisen war ja, alles zu unternehmen, um Gas im Bedarfsfall auch in die Gegenrichtung zu bringen. Dazu muss im Westen aber genügend vorhanden sein.

Land der Speicher

Hier kommen die Speicher ins Spiel. Von Land zu Land verschieden gibt es kleine oder größere, mehr oder weniger gut gefüllte unterirdische Kavernen, wo Gas als eine Art Puffer zwischengelagert wird. Österreich ist das Land in Europa, das pro Kopf der Bevölkerung über die größten Speicherkapazitäten verfügt.

Rund acht Milliarden Kubikmeter (m3) theoretisch speicherbares Gas entspricht in etwa dem österreichischen Jahresverbrauch. Theoretisch deshalb, weil 2,6 Milliarden m3 des in Oberösterreich befindlichen und von Gazprom Export sowie Astora gemeinsam betriebenen Speichers Haidach nicht an das österreichische Netz angeschlossen sind, sondern an das deutsche. Was fehlt? Das etwa 20 Kilometer lange Verbindungsstück.

Spanne schrumpft

Das Speichergeschäft war einmal sehr attraktiv. Händler und einlagernde Unternehmen lebten vom Unterschied zwischen tiefen Sommer- und hohen Winterpreisen. Bis 2009 machte die Differenz im Schnitt fünf bis sechs Euro pro Megawattstunde (MWh) aus, teilweise bis zu acht. Mit Wirtschaftskrise und sinkender Nachfrage wurde der Spread schmaler. Die Differenz zwischen dem im Sommer in die Speicher geleiteten Gas und dem im Winter erzielbaren Verkaufspreis schrumpfte auf 1,5 bis zwei Euro je MWh.

Weniger Gas im Speicher

Zu Wochenbeginn waren die Speicher in Österreich nach Informationen des Interessenverbands Gas Infrastructure Europe zu weniger als 50 Prozent gefüllt. Die Füllstände waren damit deutlich niedriger als im Jänner 2015, wobei die OMV-Speicher mit 52 Prozent einen noch vergleichsweise hohen Füllstand aufweisen. Der Speicher der RAG war am Montag zu 27,5 Prozent gefüllt. Die Versorgungssicherheit sei dennoch gegeben, betonen die Betreiber.

Während es der OMV gelungen ist, Speicherkunden mittels günstigerer Neuverträge ruhig zu halten, sind im Fall der RAG einige Klagen wegen überhöhter Preise vor dem Schiedsgericht anhängig. Anteilseigner der RAG sind EVN (50,025 Prozent), Eon (29,9 Prozent), Energie Steiermark und Salzburg AG (je zehn Prozent).

Der Druck auf die Speicherbetreiber wird angesichts der Umwälzungen auf dem internationalen Gasmarkt nicht kleiner. In Deutschland und Frankreich wurden aus Rentabilitätsgründen bereits einige Speicher dichtgemacht. Auch wenn die Situation in Österreich noch nicht so dramatisch ist, einen weiteren Ausbau der Speicherkapazitäten wird es so bald nicht geben. (Günter Strobl, 20.1.2016)

  • Die Ersparnis durch den niedrigen Gaspreis wird durch höhere Kosten für Netzinfrastruktur egalisiert.
    foto: imago stock&people

    Die Ersparnis durch den niedrigen Gaspreis wird durch höhere Kosten für Netzinfrastruktur egalisiert.

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