Tindersticks: Schwere Herzen, wilde Stürme

19. Jänner 2016, 17:32
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Die britische Band Tindersticks veröffentlicht neues Album "The Waiting Room" und kommt im März nach Wien

Wien – Ob Stuart A. Staples ein lustiger Mensch ist? Man stellt ihn sich nicht so vor. Angesichts seiner Werke gilt es unter seinen Fans schon als Jokus, wenn er mit seiner Band ein Album im Frühling veröffentlicht. Schließlich spielt er mit den Tindersticks ultimative Herbstmusik, ist schon seiner Geburt nach ein Novemberkind. Nebelsuppe, einsetzende Kälte und frühe Dunkelheit gehören zu seiner Melancholie wie sein belegter Gesang aus der Schule der eitrigen Angina, natürlich psychosomatisch bedingt.

Eingedenk dieses Images, das mit jeder Veröffentlichung fundamentaler erscheint, veröffentlicht die britische Band ihr neues Album pflichtschuldig im Winter. Es heiß The Waiting Room und erscheint kommenden Freitag, am 9. März gastieren die Tindersticks im Wiener Konzerthaus.

Seit 1993 versorgen sie die Welt mit ihrer Kunst. Damals erschien ihr Debüt, das zu den epochemachenden Werken jener Dekade zählt. Opulent als Doppelabum angelegt, betörten die Tindersticks mit prächtigen Trauerweiden, die sich wilden Gefühlsstürmen hingaben. Zumindest mit Curtains, ihrem dritten Album, erreichten sie noch einmal diese Klasse, alle anderen fallen im Vergleich etwas ab.

Zehrgebiet der Melancholie

Als Zehrgebiet seiner Melancholie diente Staples die gefrorene Schönheit von Joy Division oder die Balladen des Tragöden Scott Walker. Auch den Kellerbariton des Country, Lee Hazlewood, nannte er als künstlerischen Ziehvater, später zeigte sich die Band vom Soul beeindruckt. Schwergewichtige Vorgaben also, die einen auch erdrücken könnten.

Doch die Tindersticks waren nie Kopisten. Ihre Balladen sind ebenso originale Meisterwerke wie ihre Uptempo-Stücke. Wobei sie im dazwischenliegenden Midtempobereich ihr kuscheligstes Plätzchen gefunden haben. Dort braucht es weder viel Mühe, um ein Lied abzubremsen, noch viel Aufwand, um die Geschwindigkeit zu erhöhen.

Ihr elftes Album ist diesbezüglich eine Offenbarung. Wobei man für die Tindersticks immer etwas Geduld braucht. Anstatt mit dem ersten Lied die Tür einzutreten, schleichen sie sich rein. Follow Me heißt das Instrumental, mit dem sie den Vorhang zum Waiting Room zur Seite schieben.

Das folgende Second Chance Man geht noch als Lockerungsübung durch, die Instrumente werden warm gespielt: Staples gurgelt Honig und kämmt sich die Kuchenbrösel aus dem Bart, mit Were We Once Lovers hebt das Album ab. Staples wundem Herzen entweichen mit Hall belegte Fragezeichen, die ein pulsierender Bass abfängt, während das Keyboard Schmerzsalbe auf seinen Gesang tupft.

Duett mit einer Verstorbenen

Neu ist die Eingemeindung jazziger Elemente, die Staples' Jugendfreund Julian Siegel verantwortet. Doch zu den Höhepunkten des Albums zählt ein Duett mit der 2010 verstorbenen Sängerin Lhasa de Sela. Um eine alte gemeinsame Aufnahme mit ihr schuf Staples ein Kleinod, ohne in Schwermut zu ersaufen. Die Gefahr besteht bei den Tindersticks durchaus, da kann es mitunter narkotisierend werden.

The Waiting Room drückt zwar ein paar Mal auf die Lider, doch noch in den Details vermeintlich harmloser Lounge-Etüden wüten kleine Dramen. Mit Like Only Lovers wird es am Ende noch einmal manifest. So wie er und seine Angebetete sich verletzen, singt Staples, könnten das nur Menschen tun, die sich lieben. Glück und Dilemma in inniger Umarmung. Wenige können das so überzeugend vermitteln wie diese Band. (Karl Fluch, 19.1.2016)

Tindersticks-Konzert am 9.3. im Konzerthaus Wien

  • Stuart A. Staples ist Sänger der Tindersticks. Ihr neues Album "The Waiting Room" ringt der Melancholie wieder ein paar Perlen ab.
    foto: richard dumas, city slang

    Stuart A. Staples ist Sänger der Tindersticks. Ihr neues Album "The Waiting Room" ringt der Melancholie wieder ein paar Perlen ab.

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