Das Modell China als Exportschlager?

Kommentar der anderen19. Jänner 2016, 17:11
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China fordert den Westen mit seiner "Ein Gürtel, eine Straße"-Strategie weltpolitisch heraus. Diese soll im Ausland Nachfrage nach chinesischen Produkten erzeugen und die Umstellung des chinesischen Wirtschaftsansatzes begleiten

Der Beginn des Jahres 2016 ist durch einen historischen Wettbewerb konkurrierender Entwicklungsmodelle – also Strategien zur Förderung des Wirtschaftswachstums – zwischen China einerseits und den USA und anderen westlichen Ländern andererseits gekennzeichnet. Obgleich sich dieser Wettbewerb überwiegend verborgen vor den Augen der Öffentlichkeit abspielt, wird sein Ergebnis auf Jahrzehnte hinaus das Schicksal weiter Teile Eurasiens bestimmen.

Den meisten Menschen im Westen ist bewusst, dass sich das Wachstum in China deutlich verlangsamt hat. Die Führung des Landes ist diesbezüglich nicht untätig geblieben, sondern ist bestrebt, die Umstellung vom exportorientierten, umweltschädlichen, auf Schwerindustrie beruhenden Wachstumsmodell auf ein auf Konsum und Dienstleistungen beruhendes Modell voranzutreiben.

Allerdings haben Chinas Pläne auch eine starke externe Dimension. Im Jahr 2013 hat Präsident Xi Jinping eine gigantische Initiative mit dem Namen "Ein Gürtel, eine Straße" angekündigt, die den wirtschaftlichen Kern Eurasiens völlig verändern würde. Die Ein-Gürtel-Komponente besteht aus Eisenbahnverbindungen von Westchina durch Zentralasien weiter nach Europa, in den Nahen Osten und nach Südasien. Der sonderbarerweise als Ein-Straßen-Komponente bezeichnete Teil besteht aus Häfen und Einrichtungen zur Steigerung des Schiffsverkehrs aus Ostasien und der Anbindung dieser Länder an die Ein-Gürtel-Komponente, um ihnen die Möglichkeit zu verschaffen, ihre Waren über Land statt wie gegenwärtig über zwei Ozeane zu transportieren.

Großer Finanzierungsbedarf

Die von China geführte Asiatische Infrastrukturinvestitionsbank (AIIB), der beizutreten sich die USA 2015 weigerten, ist teilweise darauf ausgelegt, die Initiative zu finanzieren. Allerdings wird der Investitionsbedarf des Projekts die Mittel des geplanten neuen Geldinstituts kümmerlich erscheinen lassen.

Tatsächlich stellt "Ein Gürtel, eine Straße" eine bemerkenswerte Abkehr von der bisherigen chinesischen Politik dar. Erstmals ist China bestrebt, sein Entwicklungsmodell in andere Länder zu exportieren. Natürlich waren chinesische Unternehmen zuletzt überall in Lateinamerika und Schwarzafrika enorm aktiv und haben in Rohstoffe und Abbauindustrien sowie in die für den Transport der Rohstoffe nach China erforderliche Infrastruktur investiert. "Ein Gürtel, eine Straße" jedoch ist anders: Zweck ist hier, außerhalb Chinas industrielle Kapazitäten aufzubauen. Statt Rohstoffe zu fördern, ist China bestrebt, seine Schwerindustrie in weniger entwickelte Länder zu verlagern, um diese wohlhabender zu machen und die Nachfrage nach China-Produkten zu fördern.

Chinas Entwicklungsmodell unterscheidet sich von dem, das derzeit im Westen angesagt ist. Es beruht auf enormen staatlich gelenkten Investitionen in die Infrastruktur – Straßen, Häfen, Stromversorgung, Eisenbahnen und Flughäfen -, die die industrielle Entwicklung erleichtern. US-Ökonomen haben diesem Weg des "Bau es, und sie werden kommen" aufgrund von Bedenken bezüglich Korruption und Insidergeschäften abgeschworen. Zuletzt hat sich die US- und europäische Entwicklungsstrategie stattdessen auf Investitionen in die öffentliche Gesundheit, Unterstützung der Zivilgesellschaft, Frauenförderung und Maßnahmen zur Korruptionsbekämpfung konzentriert.

So lobenswert diese westlichen Ziele sind: Kein Land ist je reich geworden, indem es allein in sie investiert hat. Die öffentliche Gesundheit ist eine wichtige Voraussetzung für nachhaltiges Wachstum, doch wenn es einer Klinik an zuverlässiger Stromversorgung und sauberem Wasser fehlt oder keine vernünftigen Straßen dorthin führen, hat sie keinen großen Nutzen. Chinas infrastrukturgestützte Strategie hat in China selbst bemerkenswert gut funktioniert und war eine wichtige Komponente der von anderen ostasiatischen Ländern – von Japan über Südkorea bis hin nach Singapur – verfolgten Strategien.

Die große Frage für die Zukunft der Weltpolitik ist: Wessen Modell wird sich durchsetzen? Falls "Ein Gürtel, eine Straße" die Erwartungen der chinesischen Planer erfüllt, wird sich ganz Eurasien von Indonesien bis hin nach Polen im Laufe der nächsten Generation völlig verändern. Chinas Modell wird dann außerhalb Chinas florieren, die Einkommen und damit auch die Nachfrage nach chinesischen Produkten werden steigen, und diese Nachfrage wird dann stagnierende Märkte in anderen Teilen der Welt ersetzen. Auch umweltbelastende Branchen werden weltweit ausgelagert. Statt am Rande der Weltwirtschaft zu stehen, wird Zentralasien ihren Kern bilden. Und Chinas Form autoritärer Regierung wird immens an Prestige gewinnen, was eine große negative Wirkung auf die Demokratie weltweit haben wird.

Doch es gibt triftige Gründe, den Erfolg von "Ein Gürtel, eine Straße" infrage zu stellen. Ein infrastrukturgestütztes Wachstum hat in China bisher gut funktioniert, weil die chinesische Regierung das politische Umfeld kontrollieren konnte. Dies wird im Ausland nicht der Fall sein; dort werden Instabilität, Konflikte und Korruption die Pläne stören.

Tatsächlich sieht sich China schon jetzt mit wütenden Interessengruppen, nationalistischen Gesetzgebern und unzuverlässigen Freunden in Ländern wie Ecuador und Venezuela konfrontiert, wo es bereits in enormem Umfang investiert hat. China ist mit den widerspenstigen Muslimen in seiner eigenen Provinz Xinjiang überwiegend durch Verweigerung von Forderungen und Unterdrückung fertiggeworden; in Pakistan oder Kasachstan werden ähnliche Taktiken nicht funktionieren.

Dies freilich bedeutet nicht, dass sich die Regierungen der USA und anderer westlicher Länder selbstzufrieden zurücklehnen und auf ein Scheitern Chinas warten sollten. Die Strategie einer massiven Entwicklung der Infrastruktur mag innerhalb Chinas an eine Grenze gestoßen sein und im Ausland nicht funktionieren, doch für das weltweite Wachstum ist sie trotzdem unverzichtbar.

Die USA haben in den 1950er- und 1960er-Jahren enorme Staudämme und Straßennetze gebaut, bis derartige Projekte außer Mode gerieten. Heute haben die USA den Entwicklungsländern in dieser Hinsicht relativ wenig zu bieten. Präsident Barack Obamas Initiative "Power Africa" ist eine gute Initiative, kommt jedoch nur langsam in Gang; die Bemühungen zum Bau des Hafens von Fort Liberté in Haiti waren ein Fiasko.

Den Zug verpassen

Die USA hätten Gründungsmitglied der AIIB werden sollen; sie könnten ihr immer noch beitreten und China zu einer stärkeren Einhaltung internationaler Umwelt-, Sicherheits- und Arbeitsstandards bewegen. Zugleich müssen sich die USA und andere westliche Länder fragen, warum der Bau von Infrastruktur nicht nur in den Entwicklungsländern, sondern auch zu Hause so schwierig geworden ist. Ansonsten laufen wir Gefahr, China und seinem Entwicklungsmodell die Zukunft Eurasiens und anderer wichtiger Teile der Welt zu überlassen. (Francis Fukuyama, Übersetzung: Jan Doolan, Copyright: Project Syndicate, 19.1.2016)

Francis Fukuyama (Jahrgang 1952) ist Senior Fellow an der Stanford University und Direktor des Center on Democracy, Development, and the Rule of Law. Zuletzt erschien von ihm "Political Order and Political Decay".

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