Wolfgang Reisinger: Von organisierter Freiheit

19. Jänner 2016, 16:59
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Dem Meisterschlagzeuger ist im Porgy & Bess eine Personale gewidmet. Ein Gespräch über die Suche nach Energie und Improvisation als kontrollierte Freiheit und Spiegel der Gesellschaft

Wien – Wer Spielfreiheit ausgiebig genießen will, tut gut daran, sich diszipliniert vorzubereiten. Für Schlagwerker Wolfgang Reisinger jedenfalls ist das wesentlich – und kein Widerspruch. Freies Muszieren, Improvisieren in Echtzeit sei ohne eine gewisse Strukturierung eher unbefriedigend, "das gänzlich ungebundene Spiel hat nicht genug Energie" . Reisinger weiß, wovon er spricht. Er hat im Laufe der Jahrzehnte die meisten (und nicht nur) jazzigen Spielkonzepte intensiv erprobt.

Da waren internationale Kooperationen u. a. mit Kapazitäten wie Louis Sclavis, Steve Lacy, Michel Portal, Roscoe Mitchell, Enrico Rava und John Abercrombie. Als ehemaliger Sängerknabe, Pianist und klassisch geschulter Schlagwerker hatte Reisinger (Jahrgang 1955) auch mit Klangkörpern wie dem London Symphony Orchestra und mit dem Avantgardekomponisten Luciano Berio zu tun. Reisinger: "Ich wollte alles können, was man können soll."

Was er, dem ab Donnerstag eine Personale gewidmet ist, musikalisch anstrebt, würde er aktuell aber mit dem Begriffspaar "koordinierte Unabhängigkeit" umschreiben. Treffend findet der Wiener, der lange Jahre auch beim Vienna Art Orchestra tätig war, zudem jenen Spruch, mit dem Saxofonist Wayne Shorter die Arbeit beim Trompetenmelancholiker Miles Davis umrissen hat. "Shorter beschrieb", so Reisinger, "die Tätigkeit in der Band von Miles als eine ,Erforschung des Unbekannten unter kontrollierten Bedingungen'. Das charakterisiert auch meinen Zugang ganz gut."

Mit Dave ohne Proben

Wobei es natürlich spezielle Kollegen gibt. Saxofonist Dave Liebman, dem Reisinger schon lange verbunden ist, wird für die Begegnung (mit dabei auch Bassist Jean Paul Celea) nicht zu ausgiebigen Proben verdonnert. "Dave kommt um 18 Uhr, wir spielen um 22 Uhr und brauchen keinen Soundcheck. Wir kennen einander, mit ihm passt es einfach."

Liebman – einer der wirklichen Größen des Jazz – sei tendenziell schlagzeugorientiert, brauche als Improvisator diese Nähe zum Energetisch-Rhythmischen. "Er glaubt ja, dass ich eigentlich ein Komponist bin, der Schlagzeuger geworden ist. Es gefällt ihm, dass ich formal denke", so Reisinger, der diese Klassifizierung nicht unpassend findet.

Allerdings sieht er den Drummer prinzipiell auch nahe an der Dirigentenrolle. "Bezüglich der kommenden Konzerte weiß ich genau, was ich tun werde, dies aber nur deshalb, um dann loslassen zu können. Es sind 50 Prozent frei und 50 vorgedacht. Ich zeige ja die Richtung auch durch die Art und Weise an, wie ich spiele. Der Schlagzeuger kann wie ein Dirigent Tempo, Klangfarbe, Dynamik und fast auch die Emotion vorgeben. Er versucht es zumindest."

"Unabhängig, aber koordiniert"

Reisinger schweben also offene musikalische Kunstwerke vor, in denen das Individuum sich als soziales Wesen entfaltet: "Strukturiert zu sein, aber frei, das ist auch ein bisschen, wie ich mir die Rolle des Einzelnen in der Gesellschaft vorstelle. Also unabhängig zu sein, aber auch koordiniert mit anderen." Wenn Reisinger gefragt wird, was "wir da so machen – ohne die ganzen Noten", vermag er es auch weniger abstrakt zu erklären. "Ich vergleiche es dann immer mit einer Fußballmannschaft. Wir wissen, worum es geht. Wir sind wach. Jemand schickt den anderen plötzlich mit dem Ball in eine Richtung, ein anderer sichert hinten ab."

Welche Rolle jedoch hat der Schlagzeuger in diesem Bild inne – die des absichernden Tormanns? "Nein, er ist eher der Mittelfeldspieler." In diesem Fall aber einer, der im Porgy & Bess an drei Tagen in Summe eine Kollegenmenge trifft, die größer ist als ein übliches Kickerteam. Das zu koordinieren könnte Kräfte kosten? "Nicht unbedingt. Wenn es gut läuft, gibt das mehr Energie, als man reinsteckt." (Ljubisa Tosic, 19.1.2016)

21. bis 23. 1., Porgy & Bess, 20.30

  • Wolfgang Reisinger: "Wayne Shorter hat die Arbeit bei Miles Davis als ,Erforschung des Unbekannten unter kontrollierten Bedingungen' beschrieben. Das beschreibt auch meinen Zugang ganz gut."
    foto: corn

    Wolfgang Reisinger: "Wayne Shorter hat die Arbeit bei Miles Davis als ,Erforschung des Unbekannten unter kontrollierten Bedingungen' beschrieben. Das beschreibt auch meinen Zugang ganz gut."

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