Vom Verschwinden der Wälder

24. Jänner 2016, 09:00
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Forscher haben die Zusammensetzung von einstigen mediterranen Wäldern aufgedeckt und dabei einige Überraschungen zutage gebracht

Bern – Der Südwesten Siziliens ist nicht gerade als waldreiche Gegend bekannt. Es ist eine der trockensten und wärmsten Regionen Europas. Felder und Gebüsch prägen das Landschaftsbild. Unweit der Hafenstadt Mazara del Vallo liegt jedoch das Naturschutzgebiet Lago Preola e Gorghi Tondi mit seinen zum Teil von Steineichenbeständen eingerahmten Karstseen. Die Sedimente dieser Gewässer erzählen eine ganz andere Geschichte.

Willy Tinner, Paläoökologe und Klimaforscher an der Universität Bern, hat die Schlammablagerungen genauer untersucht. Mit Kollegen nahm er Proben aus dem Grund des Gorgo Basso, des kleinsten Sees im Reservat. Wie erwartet enthielten die Bohrkerne massenweise Pollenkörner aus längst vergangenen Epochen. Praktisch jede Pflanzenart in der Umgebung hat so ihre Spuren hinterlassen. Die Wissenschafter indes verfügten nun über ein Vegetationsarchiv, dessen Daten bis kurz nach dem Ende der letzten Eiszeit zurückreichen. Die älteste geborgene Schlickschicht lässt sich auf zirka 8000 v. Chr. datieren (vgl.: Quaternary Science Reviews, Bd. 28, S. 1498).

Den Auswertungen zufolge war Sizilien einst viel grüner. Tausende Jahre lang dominierte der Blütenstaub von Steineichen (Quercus ilex), Olivenbäumen (Olea europaea) und Pistaziensträuchern (Pistacia lentiscus) die Ablagerungen im Gorgo Basso. Die Gegend war offenbar bewaldet – bis etwa 750 v. Chr. der Mensch massiv eingriff. Siedler, vermutlich griechischer und später römischer Herkunft, legten Feuer. Holzkohlepartikel gelangten in den See. Die Brandrodung schaffte Platz für die Landwirtschaft, so Tinner. Ab dieser Zeit sind die Sedimente vor allem mit Pollen von Gräsern, Getreide und Kräutern durchsetzt.

Die Veränderungen betrafen nicht nur Italiens größte Insel. Fast überall im Mittelmeerraum schwanden während der Antike die Wälder. Stattdessen breiteten sich Maquis und Garigue aus, von Sträuchern wie Rosmarin beherrschte Vegetationsgesellschaften. "Die brennen wie nichts", sagt Tinner. Grund ist der hohe Gehalt an ätherischen Ölen, der viele Maquis-Pflanzen auszeichnet. Solches Buschland fiel regelmäßig den Flammen zum Opfer. Es entstand ein regelrechter Feuerzyklus. Natürlicher Waldwuchs konnte sich nicht mehr regenerieren. Abgesehen davon trug Erosion vielerorts die Erde ab. Auf den übrig gebliebenen Felsböden haben die meisten Baumarten große Schwierigkeiten.

Weitere Überraschungen

Heute wird unsere Vorstellung von mediterranen Wäldern oft von Pinienforsten bestimmt. Ein Irrtum. Tinner und sein Team haben nicht nur die Pollen in den Sedimenten des Gorgo Basso analysiert, sie durchsuchten auch Proben aus dem Lago di Massaciuccoli in der Toskana und dem Lago di Origlio im südschweizerischen Tessin. Weitere Überraschungen kamen ans Licht. An der toskanischen Küste und im angrenzenden Hügelland gedieh vor rund 6000 Jahren offenbar üppiger Mischwald mit einem relativ hohen Anteil an Weißtannen (Abies alba). Eine ähnliche Vegetation fand sich während der Prähistorie am Tessiner Südrand der Alpen. Allerdings fehlten dort die sonst so häufigen Steineichen.

Das Vorkommen von Weißtannen in mediterranen Tieflagen erscheint zunächst seltsam. Man kennt die Art meist aus den höheren Stufen mitteleuropäischer Gebirge. Tatsächlich jedoch weiß Tinner über einige Restpopulationen von Abies alba in den flachen Hügeln östlich von Pisa zu berichten. Die Forschung habe diese lange übersehen. "Sie haben eine schöne, natürliche Verjüngung", schwärmt Tinner.

Um die Zukunft der Waldgesellschaften im Mittelmeerraum zu untersuchen, haben die Wissenschafter auch ein neues Vegetationsmodell erstellt. Sie kombinierten Klimaszenarien für die nächsten 1000 Jahre mit den Wachstumsanforderungen der wichtigsten Baumspezies und konnten so bemerkenswerte Prognosen treffen. Entgegen anderen Vorhersagen dürfte sich der mediterrane Wald auch im Klimawandel behaupten. Trotz Dürren und zunehmender Hitze.

Gedeihen lassen

Den Simulationen nach hätten auf Sizilien vor allem Olivenbäume gute Perspektiven. Sie würden bei Erwärmung wahrscheinlich die dominante Baumart werden und könnten mit Steineichen, Kermeseichen (Quercus coccifera) und Pistazien als Unterholz vitale Waldbestände bilden – vorausgesetzt, der Mensch lässt sie in Ruhe gedeihen (vgl.: Frontiers in Ecology and the Environment, Bd. 14). Eine vergleichbare Vegetation findet sich heute in nordwestafrikanischen Schutzgebieten und widersteht dort den harschen Klimabedingungen.

Für die Toskana sagen die Modelle deutliche Veränderungen voraus. Steigende Temperaturen würden in dieser Region die Entstehung von dichten Steineichenwäldern begünstigen – ähnlich wie jene, die ursprünglich Sizilien prägten. Ein derartiger Bewuchs böte mehrere Vorteile, sagt Tinner. Steineiche und Co sind immergrüne Laubbäume. Durch Beschattung produzieren sie an ihren Standorten ein feuchteres Mikroklima. Auf dem Waldboden liegt zudem weniger Falllaub, und die Blätter brennen schlecht. Eine ganz andere Situation als in heutigen Eukalyptus- und Pinienplantagen. "Je natürlicher die Wälder sind, desto weniger feueranfällig", betont Tinner.

Die Weißtanne indes dürfte in den toskanischen Hügeln kaum noch eine Chance haben. Sie könnte dagegen am Alpensüdrand eine Renaissance erleben, auch wenn es dort trockener wird. Abies alba, sagt Tinner, ist "ein Tausendsassa". Mit ihren langen Pfahlwurzeln kann sie in der Tiefe nach Wasser suchen. Für stabile und wirtschaftlich produktive Wälder braucht es so keine Neupflanzungen von importierten Arten wie den Douglasien. Die Natur muss sich nur entfalten können. (Kurt de Swaaf, 24.1.2016)

  • Zerreichen, die im Mittelmeerraum heimisch sind, prägen die Region Bosco Quarto im italienischen Gargano-Nationalpark.
    foto: www.picturedesk.com

    Zerreichen, die im Mittelmeerraum heimisch sind, prägen die Region Bosco Quarto im italienischen Gargano-Nationalpark.

  • Waldbrände gefährden mediterrane Wälder.
    foto: epa/cardenas

    Waldbrände gefährden mediterrane Wälder.

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