"Die meisten Frauen haben gar nicht die Möglichkeit zu fliehen"

19. Jänner 2016, 13:19
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Expertinnen betonen bei Barbara-Prammer-Symposium Wichtigkeit des Kampfes um Frauenrechte in Herkunftsländern

Auf jeder Station ihrer Flucht sind Frauen sexueller Gewalt ausgesetzt. Auf das Ergebnis einer aktuellen Befragung von Amnesty International unter weiblichen Flüchtlingen aus Syrien und dem Irak nahm Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) beim zweiten Barbara-Prammer-Symposium im Parlament am Dienstag gleich eingangs Bezug. Die Veranstaltung der SPÖ-Frauen und des Karl-Renner-Instituts stand unter dem Motto "Frauen, Flucht, Solidarität" und diente einer Bestandsaufnahme ebenso wie der Erarbeitung eines Forderungskatalogs.

Und Forderungen gab es viele: Die Frauenministerin forderte eine "möglichst kurze Aufenthaltsdauer in Erstaufnahmezentren für Frauen und Kinder" ebenso wie die "Zur- Verfügung-Stellung entsprechender sanitärer Einrichtungen". Die Erstbefragung solle so erfolgen, dass sie nicht in unangenehmer Erinnerung bleibe. Diese Forderung wurde in ExpertInnenworkshops konkretisiert: Traumatisierte Frauen säßen bei der Ersteinvernahme in der Regel männlichen Beamten gegenüber. Aber weibliche Beamtinnen und Dolmetscherinnen machten es Frauen oft erst möglich zu erzählen, was ihnen widerfahren sei. Zudem würden in Österreich einheitliche Qualitätsstandards für Erstaufnahmegespräche fehlen.

Fluchtbewegung "Gefahr für Bemühung um Frauenrechte"

Die Migratinnen sollten zuerst eine "Orientierung in ihrer Muttersprache" bekommen, sagte Heinisch-Hosek, bei der man ihnen zum Beispiel Notrufnummern zugänglich mache. Auch über "opferschutzzentrierte Männerarbeit" sei sie mit der Innenministerin in Kontakt.

Ähnlich argumentierte Irene Khan, Generaldirektorin der International Development Law Organization: Die derzeitige Fluchtbewegung sei die "größte Herausforderung seit Jahrzehnten für Europa" und "ein gefährlicher Wendepunkt, der viele Jahre der Bemühung um Frauenrechte" gefährde. Die Welt sei für Frauen auch 2016 noch ein "unfairer Ort". Bei jeder Diskussion über weibliche Flüchtlinge müsse deren Ungleichheit und Benachteiligung in den Herkunftsländern mitbedacht werden.

Kampf um Frauenrechte in Herkunftsländern nötig

"Wir brauchen einen globalen Protest gegen sexuelle Ungleichheit", sagte die in Bangladesch geborene Muslimin, die bis 2009 Generalsekretärin von Amnesty International war. Es habe etwa eine große weltweite Solidarität im Kampf gegen die Apartheid in Südafrika gegeben, bei der Durchsetzung von Frauenrechten sei das aber nicht der Fall. Hilfe für Frauen in Europa und den Herkunftsländern und eine gesamteuropäische Lösung seien notwendig.

Die Bekämpfung von Menschenschmugglern mache keinen Sinn ohne die Schaffung legaler Möglichkeiten zur Einreise nach Europa, so Khan. Nur 19 Prozent der Flüchtlinge, die nach Europa kommen, seien Frauen. Die meisten Frauen hätten gar nicht die Möglichkeit zu fliehen. Deswegen sei es so wichtig, in den Herkunftsländern für Frauenrechte zu kämpfen.

Bildung, Arbeit, Selbstbestimmung als Schlüssel

Dabei sollten Frauen aber als Akteurinnen betrachtet werden. "Wenn ich Frauen auf der ganzen Welt frage: Was brauchen Sie?, bekomme ich immer diese drei Antworten: Bildung, Arbeit, Selbstbestimmung", sagte Khan. "Frauenorganisationen sind der Schlüssel zur Selbstermächtigung von Frauen – denken Sie an die Mikrokredite in meinem Heimatland Bangladesch." Sie selbst sei als Muslimin mit einem Deutschen verheiratet, gleichzeitig Weltbürgerin und Teil einer lokalen Community.

"Fernsehen und das Internet bringen die ganze Welt in jedes Dorf. Mit diesem Culture Clash müssen wir leben. Aber dieselben Technologien geben uns die Möglichkeit zu einem Dialog. So wie der IS sich in die Köpfe von jungen Männern in Europa einnistet, können wir unsere Werte zu den jungen Männern dorthin bringen. Das ist auch eine Chance." (Tanja Paar, 19.1.2016)

  • Gabriele Heinisch-Hosek fordert für Frauen und Kinder einen möglichst kurzen Aufenthalt in Erstaufnahmezentren.
    foto: heribert corn

    Gabriele Heinisch-Hosek fordert für Frauen und Kinder einen möglichst kurzen Aufenthalt in Erstaufnahmezentren.

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