Richtig anbraten: Warum Kochkurse boomen

21. Jänner 2016, 16:13
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Gemeinschaftsleistung: Nicht nur zusammen zu essen macht mehr Spaß, sondern auch, das Essen in der Gruppe zuzubereiten. Warum Kochkurse immer mehr Anhänger finden

Es ist einer dieser dunklen Sonntage im Winter, an denen man sich normalerweise maximal vom Bett auf das Sofa rollt und überlegt, wie man ohne zu großen Kraftaufwand an eine warme Mahlzeit kommt. An diesem Sonntag aber treffen sich 20 Menschen, die einander zuvor noch nie gesehen haben, im Wiener Kochsalon Wrenkh, um gemeinsam unter professioneller Anleitung Tierisches in unterschiedlichen Varianten zuzubereiten.

Der Sonntagskurs zum Thema Rind ist bis auf den letzten Platz ausgebucht. Fast schon streberhaft stehen die Teilnehmer mit umgebundener Schürze und wissenshungrigem Blick vor ihren Schneidebrettern und warten gierig darauf, endlich das auf dem riesigen Arbeitstisch liegende Fleisch auszulösen, zu würzen oder zu schneiden und dem Gegenüber zu zeigen, dass man nicht zum ersten Mal ein Messer in der Hand hält und geübt ist im Zwiebelschälen und Rübenhacken.

Wozu also ein Kochkurs? "Ich habe den Kurs von meinem Mann geschenkt bekommen", sagt die adrett wirkende Dame, die in Wirklichkeit so gar keine Lust auf Kochen hat und sich regelmäßig auf eine Zigarettenpause nach draußen verabschiedet, während die anderen – inklusive des Gatten – jedes Gemüse und jeden Kräuterbund kleinhacken. "Ich kann ja ganz gut kochen, vor der Fleischzubereitung hatte ich aber immer Ehrfurcht", erklärt hingegen die junge Lehrerin, während sie mit Begeisterung Salz über die saftigen T-Bone-Steaks streut.

Familienausflug

Doch nicht nur Paare mit unterschiedlichen Erwartungshaltungen und mitteilungsbedürftige Singles besuchen den Kurs. Der junge Mann im Karohemd hat mit seinem Weihnachtsgeschenk gleich die ganze Familie zwangsbeglückt. Die angeregte Diskussion von Vater, Mutter und Ehefrau über das gemeinsam Gekochte erinnert ein bisschen an ein erfolgreiches Teambuilding-Seminar, bei dem sich nachher alle in den Armen liegen. "Zu Hause koche ich nicht. Da bin ich nur für die Qualitätssicherung in der Küche zuständig", betont der Familienpatron und will offensichtlich mit einem Witz klarmachen, wer in seinem Haus am Herd steht.

Unter der Anleitung von Kochlehrer Karl Wrenkh schneidet der vermeintliche Kochverweigerer allerdings brav die Karotte zu Juliennegemüse und hängt – wie der Rest der Gruppe – vier Stunden lang an Wrenkhs Lippen, während dieser erklärt, was ein Wadschunken ist, und sich zwischendurch immer wieder auf den legendären französischen Spitzenkoch Paul Bocuse bezieht. Ein Wadschunken ist übrigens ein Teil der Rinderwade.

All-inclusive

Es scheint, als bekomme man hier was für sein Geld, so zumindest der Tenor der Teilnehmer. Neben Fachwissen über Zubereitungsarten, wie zum Beispiel die Herstellung einer Consommé und einer Demi-Glace, sowie den Basics der Rinderanatomie dürfen sich die Gäste um 130 Euro auch am Veltliner oder am Bier der oststeirischen Kleinbrauerei Gratzer bedienen. Das soll nicht nur Wohlfühlatmosphäre schaffen, sondern wohl auch den schüchternen Hilfskoch zum mutigen Chef de Cuisine machen. Das Konzept scheint aufzugehen, wenn man in die zufriedenen Gesichter der Kursteilnehmer blickt.

"Kochen ist keine Wissenschaft. Es geht vielmehr um Gefühl", betont Wrenkh mit kräftiger Stimme zur Einleitung. Dass die Sehnsucht nach diesem offenbar verlorengegangen Gefühl wieder stärker wird, zeigen die Nachfrage und die Fülle an Kursangeboten in Österreich. Neben den klassischen Kochkursen kann man fast alles lernen und sich so unabhängiger machen – ganz unter dem Motto: Da weiß ich wenigstens, was drin ist. Das Angebot reicht vom klassischen Kochen über die Herstellung von eigenen Würsten oder Käse bis hin zum Bierbrauen. Was immer man auch produziert, entscheidend ist, es gemeinsam zu tun.

foto: gerry mayer-rohrmoser, wrenkh wiener kochsalon
Dass hier jeder genau weiß, was er zu tun hat, liegt wohl auch an Wrenkhs Fähigkeit, die Gruppe wie ein Maestro zu dirigieren.

Dass es sich bei der Freude am gemeinsamen Kochen und Probieren um ein tiefes Urbedürfnis handelt, weiß der Wiener Philosoph und Gruppendynamikexperte Gerhard Schwarz. "Irgendwann vor zwei Millionen Jahren mit Erfindung des Feuers haben die Menschen erkannt, dass das Essen eine Gemeinschaftssache ist und nichts Individuelles.

Beim Grillen wird zum Beispiel schon vor dem Essen die sogenannte Nahrungsharmonie hergestellt: Durch den Duft des gebratenen Fleisches freut man sich bereits vorher auf das gemeinsame Essen. Das Kochen wird so in die Nahrungsaufnahme miteinbezogen. Das spielt in vielen Ländern eine noch größere Rolle als bei uns. In Japan kocht man beispielsweise oft am Tisch. Heute gibt es aber auch bei uns immer mehr Wohnküchen, um den Koch nicht vom Rest der Gemeinschaft auszuschließen", sagt Schwarz.

Von Rindsroulade bis Feijoada

Ausgeschlossen wird bei Kochkursen niemand. Ganz im Gegenteil. Hier werden selbst Kochmuffel und Eigenbrötler motiviert, gemeinsam ein schmackhaftes Gericht zuzubereiten. Im Wrenkh'schen Rindfleischkurs werden unter anderem Schulterscherzel, Rinderherz oder Ochsenschlepp verarbeitet. Nach vier Stunden stehen zehn Gerichte, darunter Rindsrouladen, Kalbsrahmherz oder portugiesische Feijoada, auf dem Tisch, die herrlicher nicht schmecken könnten.

Und alle Teilnehmer sind begeistert, was sie in so kurzer Zeit gemeinsam geschafft haben. Dass hier jeder genau weiß, was er zu tun hat, liegt wohl auch an Wrenkhs Fähigkeit, die Gruppe wie ein Maestro zu dirigieren. "Für mich ist es wie eine Show, und ich bin der Showmaster. Das ist auch der Grund, warum wir hauptsächlich mit angelernten kochbegeisterten Mitarbeitern arbeiten anstatt mit Profiköchen. Die Köche verstehen oft nicht, dass 70 Prozent des Kurses Unterhaltung sind. Man muss auch didaktisch und rhetorisch sehr fit sein", sagt der Unternehmer, der sich das Kochen selbst beigebracht hat und den Kochsalon gemeinsam mit seinem Bruder Leo seit 2009 betreibt.

Stressfrei kochen

Weil Ausnahmen bekanntlich die Regel bestätigen, gibt es aber auch immer wieder Spitzenköche, die Gefallen daran finden, Laien anstatt die professionelle Küchenbrigade zu dirigieren. Thomas Hüttl hat jahrelang als Koch, unter anderem im Wiener Hotel Hilton Plaza, gearbeitet und irgendwann Gefallen daran gefunden, sein Wissen weiterzugeben. "Ich bin durch Zufall zur Kochschule gekommen, weil mich ein Gast vor rund 15 Jahren gebeten hat, für ihn einen Kurs zu halten. Damals war ich fasziniert, wie viel man falsch machen kann, ohne dass es Auswirkungen auf den Geschmack des Gerichts hat. Die Arbeit mit Laien ist natürlich eine ganz andere als jene mit Profis. In die Gastronomie zurück möchte ich nicht. Für mich war es damals auch ein gesundheitlicher Aspekt, auszusteigen.

Die Selbstständigkeit ist zwar auch stressig, aber nicht vergleichbar mit dem Druck, dem man als Küchenchef ausgesetzt ist", sagt Hüttl, der alle seine Kurse selbst hält. Beliebt seien vor allem die Kurse mit Fleisch.

Die Lust am Kochen

Sowohl bei Hüttl als auch bei Wrenkh sind es mehr Männer, die Kochkurse besuchen. "Vor allem Manager und Entscheidungsträger haben die Lust am Kochen entdeckt. Früher hätten sie mir ein Foto am Handy von ihrem neuen Auto gezeigt, heute zeigen sie mir ihr Gewächshaus, in dem sie ihre Chilis anbauen", sagt Wrenkh. "Das liegt wahrscheinlich an der modernen Emanzipation. Frauen wollen heute nicht mehr als Dienerin für den Mann am Herd stehen. Männer kochen heute selbst. Empirisch kann ich das natürlich nicht belegen", mutmaßt Philosoph Schwarz.

In seinem Buch "Die heilige Ordnung der Männer" schreibt er unter anderem über archaische Muster zur Nahrung. Dabei geht es neben dem Kochen vor allem um das gemeinsame Essen und Gewohnheiten, die sich bis heute nicht verändert haben. Wie etwa die Tatsache, dass man seine Nahrung nicht mehr vor den anderen retten muss, um sie zu verzehren. Essen ist ein Gemeinschaftsereignis geworden.

Dass auch das Kochen immer mehr zum Gemeinschaftsevent wird, habe man laut Wrenkh auch Pionieren wie dem britischen TV-Koch Jamie Oliver zu verdanken. Er habe Kochen wieder hip gemacht. Natürlich seien auch gesundheitliche und nachhaltige Aspekte ausschlaggebend.

Was auch immer jemanden dazu bewegt, einen Kochkurs zu besuchen – er wird dabei neben einer geheimen Zutat für ein Rezept oder einer Schneidetechnik vor allem eines lernen: Es macht Spaß, gemeinsam zu kochen und vor allem zu essen. In Wrenkhs Kochsalon machen die Mitarbeiter bereits die Küche sauber und beseitigen die Spuren der wilden Küchenschlacht, während die Kursteilnehmer nebenan die letzten Reste verspeisen. Morgen wird hier nämlich wieder gekocht – und zwar indisch. (Alex Stranig, RONDO, 22.1.2016)

Kulinarik-Kurse

Wrenkh Wiener Kochsalon
Regelmäßig wechselndes Kursangebot:
z. B. indisch, vegan, Wiener Küche.

Kochatelier
Regelmäßig wechselndes Kursangebot:
z. B. Tapas, Pasta, Küche & Wein.

Xocolat
Herstellung von unterschiedlichen Pralinen inklusive Konfektverkostung.

Hofkäserei Robert Paget
Herstellung von Camembert und Ricotta. Kochen mit Käse.

Slow Food Wien
Regelmäßige Backkurse mit Holzofenbäcker Helmut Gragger.

Die Brauerei
Bierbraukurse inklusive Herstellung des persönlichen Bieres.

Hungry for Wurst
Herstellung unterschiedlicher Würste inklusive Foodpairing mit Bier.

Restaurant Okra
Private und öffentliche Sushi-Kurse mit Wolfgang Krivanec.

  • Das gemeinsame Zubereiten und Essen steht bei Kochkursen im Mittelpunkt.
    lukas friesenbichler, magdalena rawicka

    Das gemeinsame Zubereiten und Essen steht bei Kochkursen im Mittelpunkt.

  • Karl und Leo Wrenkh sehen sich als Entertainer  in der Küche. Die Brüder halten mehrere Hundert Kochkurse im Jahr.
    foto: gerry mayer-rohrmoser, wrenkh wiener kochsalon

    Karl und Leo Wrenkh sehen sich als Entertainer in der Küche. Die Brüder halten mehrere Hundert Kochkurse im Jahr.

  • Das Angebot an Kursen reicht vom klassischen Kochen über die Herstellung von eigenen Würsten oder Käse bis hin zum Bierbrauen.
    foto: derstandard.at

    Das Angebot an Kursen reicht vom klassischen Kochen über die Herstellung von eigenen Würsten oder Käse bis hin zum Bierbrauen.

  • Artikelbild
    foto: ap/scott applewhite
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