Das Reglement bei Medikamententests

19. Jänner 2016, 12:19
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In Österreich gab es bisher keinen arzneimittelbezogenen Todesfall bei Phase-I-Studie, heißt es vonseiten der Medizinmarktaufsicht

Wien – "In Österreich haben wir bisher keinen arzneimittelbezogenen tödlichen Zwischenfall bei einer (klinischen; Anm.) Phase-I-Studie an freiwilligen Probanden gehabt", sagt die Leiterin der Medizinmarktaufsicht der österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit, Christa Wirthumer-Hoche.

Die Regelungen für solche Untersuchungen seien streng und vor einigen Jahren in Europa noch schärfer gefasst worden. Alle diese Studien müssen an die Ethikkommission der Institution (zumeist Universitätskliniken; Anm.), an der sie durchgeführt werden, zur Genehmigung eingereicht werden. Dasselbe gilt für Behörden. In Österreich ist dies das Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG). "Erst wenn beide Stellen zustimmen, darf eine solche Studie durchgeführt werden", so Wirthumer-Hoche.

"Es müssen dann alle 'suspected unexpected serious adverse reactions' (vermutete, unerwartete und schwere Nebenwirkungen; Übers.) sofort gemeldet werden. Phase-I-Studien laufen unter strengen Sicherheitsvorkehrungen ab. Dabei wird das Medikament auch nicht allen Probanden zeitgleich verabreicht. In Österreich haben wir pro Jahr zwischen 35 und 40 Phase-I-Studien, insgesamt etwa 300 klinische Studien", betont die Expertin.

Ursachenforschung

Phase-I-Studien stellen die Erstanwendung möglicher neuer Arzneimittel am Menschen dar. Der Fachliteratur zufolge wird hier mit 15 bis 80 Probanden gearbeitet. Die Forschungsfragen beziehen sich auf potenzielle Nebenwirkungen, das Anfluten des Wirkstoffes im Körper, die Wirkstoffverteilung, Metabolisierung und Ausscheidung. Soweit dies ethisch vertretbar ist, erfolgt das an gesunden Probanden unter ständiger Beobachtung in einer speziellen Einrichtung (Universitätsklinik, Studienzentrum). Erst danach wird die Substanz in etwas größeren Studien vor allem zur Dosisfindung an Patienten erprobt. Die abschließende Wirksamkeitsprüfung erfolgt in Phase-III-Studien an vielen Erkrankten.

Die Sorgfalt, die bei der Durchführung solcher Untersuchungen zur Anwendung komme, betonte auch der Generalsekretär des Verbandes der pharmazeutischen Industrie (Pharmig), Jan Oliver Huber: "So etwas Dramatisches wie in Frankreich passiert höchst selten und ist in jedem einzelnen Fall äußerst bedauerlich und traurig. Jetzt gilt es, genau zu untersuchen, wie es zu einer so außergewöhnlichen körperlichen Reaktion und zu so schwerwiegenden Folgen bei einigen der Studienteilnehmer kommen konnte."

Todesfall trotz verschärfter Vorschriften

In der EU wurden die geltenden Regelungen nach dem "TeGenero-Fall" im Jahr 2006 in Großbritannien noch einmal verschärft. Damals war es bei der Erprobung eines neuen Antikörper-Präparats eines deutschen Unternehmens, das für die Behandlung von Multipler Sklerose geplant war, zu Multiorganversagen bei mehreren Studienteilnehmern gekommen. Es gab aber keinen Todesfall.

2007 erließ die EU eine neue Richtlinie. Seither muss jede Phase-I-Studie auf einer eigenen Risikoanalyse basieren, um Hoch-Risiko-Produkte einzustufen und entsprechende Maßnahmen zu setzen. Eine wesentliche Neuerung war damals, dass nicht mehreren Probanden gleichzeitig die neue Substanz verabreicht werden darf.

Darüber hinaus muss für jeden einzelnen Studienteilnehmer in einer frühen Phase ein engmaschiges, diagnostisches Monitoring gewährleistet sein und eine intensivmedizinische Notfallversorgung bereitstehen, heißt es in einer Aussendung der Pharmig. Man hätte insbesondere die Bestimmungen, wonach die Erstanwendung von Wirkstoffen am Menschen im Rahmen solcher Phase-I-Studien sequenziell und nicht sofort bei allen vorgesehenen Probanden erfolgen dürfe, verschärft, bestätigt Christa Wirthumer-Hoche.

Bessere Therapiechancen

Selbstverständlich ist die umfassende Information der Probanden vor der Abgabe ihrer Einwilligungserklärung zur Teilnahme. Derzeit laufen laut Pharmig europaweit etwa 8.000 klinische Studien unterschiedlicher Phasen, allein in Österreich seien es mehr als 500 klinische Studien mit mehr als 6.000 Teilnehmern.

Seit langem ist bewiesen, dass speziell Patienten in den großen Phase-III-Studien zur möglichst endgültigen Klärung der Wirksamkeit und Sicherheit von neuen Arzneimitteln insgesamt bessere Therapiechancen als außerhalb von Studien im Routine-Medizinbetrieb haben, und zwar unabhängig davon, ob sie die neuen Wirkstoffe bekommen oder nicht. – Eine Folge der hier intensivierten Betreuung und Kontrolle.

Keine neuen Wirkstofftests in Österreich

Laut Christa Wirthumer-HocheIn werden in Österreich keine Phase-I-Untersuchungen mit neuen potenziellen Wirksubstanzen als "First-in-Man"-Studien durchgeführt. "Bei den in Österreich durchgeführten Phase-I-Studien handelt es sich entweder um Forschungen mit bereits zugelassenen Arzneimitteln in anderen Indikationen (andere Anwendungsgebiete als ursprünglich; Anm.) sowie um Bioäquivalenzstudien für Generika", ergänzt die Expertin.

Im ersten Fall sind ursprünglich Wirkung und die Nebenwirkungen beim Menschen bereits durch große Phase-III-Studien und wahrscheinlich auch durch die Routineanwendung sehr gut belegt. Bioäquivalenzstudien für die Zulassung von Nachahmeprodukten sollen belegen, dass die Formulierung eines Wirkstoffes durch einen Generikahersteller möglichst ähnliche Eigenschaften hat wie das nachgebaute Originalpräparat. (APA, 19.1.2016)

  • In Österreich werden pro Jahr zwischen 35 und 40 Phase-I-Studien durchgeführt. Insgesamt laufen etwa 300 klinische Studien jährlich, sagt die Leiterin der österreichischen Medizinmarktaufsicht Christa Wirthumer-Hoche.
    foto: apa/barbara gindl

    In Österreich werden pro Jahr zwischen 35 und 40 Phase-I-Studien durchgeführt. Insgesamt laufen etwa 300 klinische Studien jährlich, sagt die Leiterin der österreichischen Medizinmarktaufsicht Christa Wirthumer-Hoche.

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