Technomaterialien: Kampf um den Stoff

30. Jänner 2016, 12:00
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Wolle, Baumwolle oder Leinen waren einmal: Modeunternehmen leisten sich ein Wettrennen um innovative Materialien. Wofür Technomerino, Technomesh und Co stehen

Eigentlich trennen Trivero und Mailand nicht mehr als eineinhalb Stunden Autofahrt. Trotzdem ticken nordwestlich der italienischen Modestadt die Uhren anders. Hier herrscht Unaufgeregtheit, die Kleinstadt am Fuße der Bielleser Alpen hat rund 6.000 Einwohner. Nicht wenige von ihnen arbeiten seit Generationen für den Modehersteller Zegna. Dieser hat hier an jeder Ecke seine Spuren hinterlassen: hinter den Gebäuden im Park mit den pinken, weißen, roten Rhododendren, dem blühenden Erbe des alten Ermenegildo Zegna, und dem schmucklosen Fabrikgebäude, das sich etwas unterhalb des Parks an den Berg drückt. Vom Dach grüßt eine türkisblau-weiß gestreifte Flaggenparade des Künstlers Daniel Buren, an guten Tagen kann man von diesem Dach bis zum Monte Rosa schauen.

Ein bisschen wirkt das kleinstädtische Szenario so, als sei hier seit langem alles beim Alten. Seit 1910 werden Stoffe produziert, seit den Sechzigerjahren auch Herrenmode. In den Fabrikhallen verarbeitet Zegna australische Merinowolle, die Fasern werden gereinigt, gefärbt, kardiert, gesponnen und schließlich zu hochwertigen Stoffen und Kleidungsstücken verarbeitet.

Kampf um textile Innovationen

Ein Anzug von Zegna mag gestern wie heute für Männer als Statussymbol fungieren, auf ihrem textilen Erbe, den traditionellen Wollstoffen, können sich Traditionsunternehmen wie Zegna aber schon lange nicht mehr ausruhen. Das Gegenteil ist der Fall. Heute treten Modeunternehmen in die Fußstapfen des schottischen Chemikers und Tüftlers Charles Macintosh. Er erfand einst die erste wasserfeste Kleidung. Die Unternehmen von heute müssen einen ähnlichen Erfindungsreichtum an den Tag legen, um im Kampf um Textilinnovationen zu bestehen.

In den letzten Jahren wurden in jeder Saison neue Materialien, technische Superlative und vor allem große Versprechungen aus dem Hut gezaubert. Die kreativen Bezeichnungen für all die megaleichten, vollfunktionalen und modischen Stücke auch. Vorn mit dabei: Zegna. In den letzten Jahren warb man mit einem "High-Performance-Anzug" mit "Cool Effect", einem Anzug, der UV-Strahlen reflektiert und statt zu knittern in die ursprüngliche Form zurückfindet. Neuester Clou: Techmerino, eine bearbeitete Merinowolle, die besonders leicht und atmungsaktiv ist. Zegna setzt sie seither als textile Allzweckwaffe ein: vom "Icon Jacket", einer wasserabweisenden, mit technologischen Highlights ausgestatten Wunderjacke, bis zum ultraleichten Sneaker.

Hightech trifft klassische Stoffe

Das Zegna-Programm passt zum Zeitgeist. Sportliches Hightech trifft auf hochwertige Materialien – der Athleisure-Trend (einen Namen hat die Übernahme sportlicher Elemente in die Mode auch schon) hat die Branche in den letzten Saisonen ordentlich durchgeschüttelt. Mit Materialien und Verfahren aus dem Sportbereich tunen Luxuslabels ihre Kollektionen nicht nur optisch auf. Und so tauchen im Prêt-à-porter atmungsaktive Textillaminate auf, Verbindungen von Geweben mit Kunststoffen, und Jerseystoffe, die dank Aufrüstung wasserabweisend sind und schnell trocknend.

Wie Fremdkörper wirken all die sportlichen Gimmicks in der High Fashion schon lange nicht mehr. In den letzten Jahren haben die Unternehmen ein regelrechtes Wettrennen um den fittesten Auftritt hingelegt. Zegna beispielsweise integrierte zuletzt seine Sportlinie in die junge Linie Z Zegna. Seither funktioniert Techmerino dort nicht nur als funktionaler, sondern auch als modischer Zusatz.

Kopierschutz

Der innovationsgetriebene Aktivismus des Sportsegments, in dem schon immer geforscht und gezielt entwickelt worden war, hat auf die Luxusbranche abgefärbt. Das hat seine Gründe. Die Copy-Cats, jene gnadenlos schnellen Retailer, sitzen den Luxusunternehmen im Nacken. Weil sich Materialtüfteleien und Stoffqualitäten im Gegensatz zu visuellen Trends, also Schnitten und Farben, nicht mir nichts, dir nichts nachahmen lassen, konzentrieren sich Designer wie Albert Kriemler, der materialversessene Macher des Labels Akris aus St. Gallen, auf "modernste feine Doubleface-Stoffe wie neue hautfreundliche Techno-Materialien oder innovative Druckverfahren", die nicht so leicht zu kopieren sind. Für die neue Sportlichkeit gibt es gute Gründe. "Niemand will steif wirken, und gerade die, die ein anspruchsvolles Leben haben, mögen es relaxt." Bei Akris lässt man sich sogar für Kreationen aus Seide, Leinen, Baumwolle aus dem Sportbereich inspirieren. Kriemlers Lieblingsmaterial für die kommende Sommerkollektion? Technomesh, ein "transparenter Stoff, der einen Stand besitzt, ohne steif zu wirken."

Kriemler steht natürlich nicht allein da. In der High Fashion ist die schnittige Optik zum Dekor geworden: ob die Sneaker von Chanel, die Tweed und Einsätze aus Kalbsvelours auf einer Kunststoffsohle in Lego-Optik zusammenbrachten, oder die mit feinen Perlen bestickte Mesh-Oberfläche der Dior-Fusion-Trainer: die glitzernden Blütenstickereien kontrastieren wie bei Chanel mit einer coolen Hightech-Sohle. Ob sich mit diesen Sneakern tatsächlich ein Sprint hinlegen lässt? Joachim Baumgartner, Trendexperte der deutschen Textilmesse Munich Fabric Start, gibt zu bedenken: "Viele technische Materialien im Luxus- und im High-Fashion-Segment kommen nur rein ihrer Optik wegen zum Einsatz."

Fusionstendenzen

Materialien, die miteinander Verbindungen eingehen, dominierten die Trends der letzten Saisonen. Das bestätigt Winfried Rollmann, Materialexperte des Deutschen Modeinstituts mit einem Modeberatungsunternehmen in Paris. Fusionstendenzen machen selbst vor Anzügen nicht halt: "Wir wollen ja heute nicht mehr wie steife Pinguine durch die Gegend laufen." Und so sehen Sakkos aus Jersey jetzt aus wie Konfektionsware, erklärt Rollmann. "Nicht schlampige, sondern smarte Lässigkeit", wie sie das italienische Label Brunello Cuccinelli hochhalte, passe ins Heute, ins Hier und Jetzt.

Neben dem sportlichen Futurismus der letzten Saisonen rückt zunehmend die "natürliche Erscheinung" von Kleidungsstücken ins Zentrum des Interesses. "Spannend ist, wie sich beispielsweise Leder mit Kaschmir oder Wolle verbinden lässt", meint Rollmann. Patchings und Bondings, also Verbindungen zweier oder mehrerer unterschiedlicher Stoffe zu einem, gehören derzeit zum Spannendsten auf dem Markt. Joachim Baumgartner von der Münchner Textilmesse Munich Fabric Start teilt Rollmanns Einschätzung. "Im Gewebebereich sind insbesondere Mischungen aus Nylon und Leinen, aber auch Wolle, die durch technische Ausrüstungen immer funktioneller wird, interessant."

Intelligente Vernetzung

Dass Unternehmen wie Zegna oder Akris in Textilrecherche und -erneuerungen investieren können: eh klar. Aber beschränkt sich textile Innovation nur noch auf große Modeunternehmen und die milliardenschweren Sportkonzerne? Christel Wickerath, beim Mode- und Wirtschaftsmagazin "Textilwirtschaft" für Materialien und Stoffe zuständig, widerspricht. So simpel sei die Sache nicht. "Mit Innovationen können die Kleinen auch die Großen auf sich aufmerksam machen", erklärt Wickerath. Auch andersrum funktioniert's. "Die Anstöße zu Innovationen kommen oft von den Designern oder von Technikern der großen Firmen", erklärt Fachmann Rollmann.

Auch wenn textile Neuerungen oft noch von Maschineninnovationen abhingen, brauchten Innovatoren längst nicht mehr einen eigenen Maschinenpark. Heute geht es vor allem darum, das Know-how zu organisieren. "Smarte kleine Firmen machen vor, dass intelligente Vernetzung für Textilinnovationen die Zukunft ist."

In Italien entwickelten häufig kleine Familienunternehmen in Kooperation mit großen Marken innovative Stoffe. Wickerath begeisterte zuletzt ein italienischer Seidenweber, der eine ganze Seidenkollektion aus recycelten Plastikflaschen entwickelt hat. Das Endergebnis, ein schwer und luxuriös fallender Seidenstoff, ist das Resultat einer aufwendigen Faserentwicklung. Manchmal können die Kleinen eben auch ganz groß. (Anne Feldkamp, 30.1.2016)

Die Reise nach Trivero erfolgte auf Einladung von Zegna.

  • Akris-Designer Albert Kriemler vertraut in  seiner Sommerkollektion für Frauen auf Technomesh (zwei Modelle oben).  Z Zegna verwendet Techmerino für Sneakers, Blazer, Jogginganzüge.
    foto: z zegna, akris

    Akris-Designer Albert Kriemler vertraut in seiner Sommerkollektion für Frauen auf Technomesh (zwei Modelle oben). Z Zegna verwendet Techmerino für Sneakers, Blazer, Jogginganzüge.

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