Chinas Wachstum schafft nicht mehr die Sieben-Prozent-Hürde

19. Jänner 2016, 10:21
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China meldet das niedrigste Wirtschaftswachstum seit einem Vierteljahrhundert. Eine harte Landung ist dennoch nicht in Sicht

Chinas Wirtschaftswachstum hat im vergangenen Jahr mit 6,9 Prozent nach 7,3 Prozent 2014 den schwächsten Wert seit 25 Jahren erreicht. Im vierten Quartal 2015 betrug es sogar nur noch 6,8 Prozent. Die Zahlen nannte der im vergangenen April neu berufene Leiter des Staatlichen Statistischen Amtes und Steuerexperte Wang Baoan bei seiner Pekinger Pressekonferenz. Er widersprach Befürchtungen, dass die in den vergangenen Monaten weltweite Schlagzeilen machende Überschuldung der Lokalregierungen, gefährliche Blasen im Immobiliensektor, die Volatilität an den Börsen und die Abwertung des Renminbi Chinas Wirtschaftsplaner zu einer harten Landung zwingen könnten. "Wir haben 2015 unsere Wirtschaft nicht künstlich stimulieren brauchen." Dennoch sei sie um 6,9 Prozent gewachsen und stehe international weit vorne. "Sie trug 2015 zu mehr als 25 Prozent des Weltwirtschaftswachstums bei." Es sei "nicht einfach gewesen, dieses Ergebnis zu erzielen."

2016 wird noch schwieriger

2016 wird es noch schwieriger sein. Davor warnte einen Tag vor dem am Dienstag bekanntgegebenen Jahresergebnis Chinas Premier Li Keqiang. Chinas Außenhandel, der 2015 um sieben Prozent fiel, befinde sich in einer "derzeit komplizierten Lage". Nach innen würde sich der Abwärtsdruck, der auf der Binnenwirtschaft laste, "noch verstärken". Li moderierte eine Ansprache von Staats- und Parteichef Xi Jinping, der die Wirtschaftsprobleme des Landes offenbar zu seiner Chefsache gemacht hat. Xi forderte Fachminister und Provinzvertreter auf, "die Schwierigkeiten der Umstrukturierung zu überwinden, um zu einer höheren und gleichgewichtigeren Entwicklung in China" kommen zu können. Entscheidend sei dafür, "Überkapazitäten abzubauen", die "industrielle Umgruppierung voranzubringen", die Kosten für Unternehmen zu reduzieren, strategische Zukunftsindustrien und einen modernen Dienstleistungssektor zu entwickeln.

Ruinöse Überkapazitäten

Chinas Regierung hatte früher schon einen Abbau der ruinösen Überkapazitäten verlangt, ihn aber immer wieder hinausgeschoben. Die Investitionsbank CIIC meldet nun, dass Peking in den fünf am stärksten betroffenen Branchen Stahl, Kohle, Aluminium, Zement und Industrieglas 30 Prozent der Kapazitäten bis 2020 abbauen lassen will. Laut "China Daily" würden allein in diesen fünf Industrien innerhalb der nächsten zwei Jahre drei Millionen Arbeitsplätze wegfallen. Die Eisen- und Stahlbranche, die 2015 mit 803 Millionen Tonnen Rohstahl die Hälfte des Weltausstoßes produzierte, hätte bis heute Kapazitäten für 1,18 Milliarden Tonnen aufgebaut, schrieb die Fachzeitung "China Times". Die Auslastung liege bei unter 68 Prozent. Die Industrie sei hoch verschuldet. Der Abbau soll auch besonders stark den Kohlebergbau und seine Betriebe treffen, schrieb die Zeitung. Von derzeit 6390 Unternehmen sollen bis 2020 rund 3000 übrigbleiben.

Statistikchef Wang nannte zum Kapazitätsabbau keine Zahlen, ebensowenig zu den Arbeitsplatzverlusten. Das Thema ist heikel, zumal über inoffizielle Internetkanäle bereits über wilde Streiks und Verhaftungen von Arbeiteraktivisten berichtet wird.

Mit der kippenden Symbolzahl Sieben fällt eine offiziell lange Zeit gehaltene Bastion. Viele Jahre galten acht Prozent Wirtschaftswachstum als magische Grenze, die nicht unterschritten werden durfte. Peking ließ dann vehement die Sieben vor dem Komma verteidigen. Als Nächstes sprach Premier Li vom Wachstum "um sieben Prozent". Noch am Sonntag hatte er bei der Gründungsfeier der AIIB von "knapp sieben Prozent" gesprochen.

Dienstleistungssektor wächst

Die meisten der am Dienstag vorgelegten Zahlen deuten nach unten. Der einst traditionell höher als das Wirtschaftswachstum ausfallende wertmäßige Anstieg der Industrieproduktion erhöhte sich 2015 nur noch um 6,1 Prozent. Im Einzelmonat Dezember waren es 5,9 Prozent.

Weiterhin positiv entwickelten sich 2015 die in der Umstrukturierung geförderten Hightech- und IT-Industrien und der Dienstleistungssektor. Sein Anteil am Bruttoinlandsprodukt stieg auf 50,5 Prozent, 2,4 Prozent höher als 2014. Der Beitrag des Konsums zum Wirtschaftswachstum stieg auf 66,4 Prozent, 15,4 Prozent höher als im Vorjahr. Chinesische Reformer befürchten aber, dass die neuen Antriebskräfte die Verluste in der traditionellen Wirtschaft noch lange nicht ausgleichen können. Drei Faktoren würden aber zur generellen Stabilität beitragen: die noch positive Beschäftigungslage mit 2015 mehr als 13 Millionen neu geschaffenen Arbeitsplätzen, der geringe Anstieg der Verbraucherpreise und erneut gute Ernten.

Neue Sozialdaten

Die statistischen Zahlen geben erstmals über neue Sozialdaten Auskunft, wie überfällig Pekings offizielle Abschaffung seines seit 1980 durchgesetzten Zwang zur Ein-Kind-Familie war. Der Anteil alter Menschen stieg in den 35 Jahren strikter Geburtenkontrolle in Chinas 1,374-Milliarden-Bevölkerung schneller an als in jeder anderen Gesellschaft der Welt. Ende 2015 waren 220 Millionen Menschen (16,1 Prozent) im Rentenalter von 60 Jahren. Darunter waren 143,8 Millionen schon über 65 Jahre alt (10,5 Prozent). Chinas unterentwickelte Renten- und Krankenkassen sind überfordert.

Seit 1. Januar dürfen nach einer Gesetzesänderung nun alle Familien wieder zwei Kinder in die Welt setzen. Doch die Folgen der alten Politik wirken nach. Seit 2012 geht auch die absolute Zahl der arbeitsfähigen Bevölkerung zwischen 16 und 59 Jahren zurück. 2015 fiel sie um 4,87 Millionen Personen. Zugleich stieg durch Landflucht und Arbeitsmigration der Anteil der städtischen Bevölkerung um 22 Millionen Zuwanderer auf 771 Millionen Menschen (56,1 Prozent), während die ländliche Bevölkerung auf 603 Millionen Personen zurückging. (Jonny Erling, 19.1.2016)

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    foto: reuters/yip
  • Gesamtbevölkerung (untere Kästen, Anm.) von 1,34 Milliarden (2010) bis 1,37 Milliarden Menschen (2015).     Die obere Kurve gibt die viel zu niedrige natürliche Zuwachsrate an, die 2015 bei 4,96 Promille liegt und das Problem der Ein-Kind-Politik widerspiegelt.
    grafik: staatlich statistisches amt

    Gesamtbevölkerung (untere Kästen, Anm.) von 1,34 Milliarden (2010) bis 1,37 Milliarden Menschen (2015). Die obere Kurve gibt die viel zu niedrige natürliche Zuwachsrate an, die 2015 bei 4,96 Promille liegt und das Problem der Ein-Kind-Politik widerspiegelt.

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