Das Dilemma des Wirtschaftswachstums

Userkommentar19. Jänner 2016, 13:02
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Unser Wirtschaftssystem basiert auf Ausbeutung natürlicher Ressourcen und der Menschen in ärmeren Ländern. Dieser Gedanke sollte nicht zu kurz kommen

Im Kommentar der anderen ("Kein Sozialstaat ohne Wirtschaftswachstum", 30.12.2015) hält Ewald Walterskirchen, Wirtschaftsforscher und ehemaliger Wifo-Referent, ein Plädoyer für eine wachstumsorientierte Politik. Das Thema ist schnell umrissen. Erfordernis A: In unserem kapitalistisch-marktwirtschaftlichen Wirtschaftssystem ist Wirtschaftswachstum aus den verschiedensten Gründen notwendig und sinnvoll. Gleichzeitig, Erfordernis B, gibt es in einer endlichen Welt mit begrenzten natürlichen Ressourcen und einer großen Zahl von Menschen offenkundige Beschränkungen für Wachstum.

Der Kern der Diskussion um nachhaltiges Wachstum besteht darin, dass A und B möglicherweise unvereinbar sind. Es ist unsicher, wie viel Wohlstand und dauerhaftes Wachstum für alle Menschen – "frei und gleich an Würde und Rechten geboren", so die UN-Menschenrechtscharta – möglich ist. Möglicherweise erlauben neue Technologien, etwa alternative Energien, beträchtliches weiteres Wachstum. Hier könnte unser Wirtschaftssystem mit seinen beständigen Anreizen zu Innovation hilfreich sein. Tatsache aber ist, dass dieses System derzeit auf enormer Ausbeutung von natürlichen Ressourcen und von Menschen in ärmeren Ländern basiert. Daran nicht ständig denken zu müssen ist eine gewaltige Verdrängungsleistung unserer Kultur.

Tretmühle Konsumwachstum

Was macht Walterskirchen aus dem Wachstumsdilemma? Er erläutert Erfordernis A ausführlich und schlägt Maßnahmen zur Erhöhung des Wachstums in Europa vor. Kritik am Wirtschaftswachstum tut er als Spinnerei von Umweltschützern ab. Er tut so, als ob diese Moralapostel die dem Kapitalismus inhärente Wachstumsnotwendigkeit nicht verstünden, geht dabei aber in unzulänglicher Weise auf Erfordernis B ein, nämlich das Problem der begrenzten Ressourcen, das der Wachstumskritik zugrunde liegt.

Seiner Befürwortung von Wachstum – innerhalb von Erfordernis A – ist durchaus zuzustimmen: Wir könnten in Europa mehr Wachstum und weniger Arbeitslosigkeit haben, wenn wir weniger auf kurzfristige Budgetziele schielen würden. Abstrus hingegen ist das wohl von Felix Butschek ("Wirtschaftswachstum – eine Bedrohung?") übernommene Argument, die in Europa verbreitete Wachstumsskepsis sei schuld am geringen Wirtschaftswachstum. Die (oftmals jungen) Menschen, die sich bemühen, ein anständiges Leben nach einem kategorischen Imperativ im ökologischen Sinn zu führen, sind in der Minderzahl. Viel eher ist empirisch relevant, dass sich Menschen verschulden, um dem sozialen Druck zum Konsum nachzugeben. Das Unbehagen am ständigen Konsumwachstum verspüren zwar viele, aber die wenigsten entkommen diesem in der sozialen Tretmühle des Lebens.

Globale Ressourcenbeschränkung

Ärgerlich wird es, wenn der Autor die Wachstumskritik aus ökologischen Gründen (Erfordernis B), das Anprangern des Konsumterrors und eine Befürwortung von Maßhalten, abkanzelt. Die fortschreitende Ökonomisierung des Lebens wird offenbar willig in Kauf genommen. Den positiven Beispielen für mehr Wachstum kann man entgegenhalten: Das "lebensrettende Handy" ist durch die geplante Obsoleszenz zum ständigem Wegwerfprodukt geworden und somit ressourcenvergeudend, die "geräumigen Wohnungen" und die "Reisen in ferne Länder" sind das ohnehin.

Was die Umweltprobleme anlangt, so seien diese durch strikte Regulierungen, CO2- Steuern (der Godot aus dem Instrumentarium der Ökonomen; die Verhinderung einer EU-weiten CO2-Steuer durch Industrielobbys in der EU ist nun auch schon mehr als 20 Jahre her) und durch Steigerungen der Energieeffizienz zu lösen. Doch die positiven Effekte von Steigerungen der Energieeffizienz werden nur allzu oft durch steigende Einkommen und wachsenden Konsum ständig zunichte gemacht. Nur einmal spricht der Autor die globale Ressourcenbeschränkung direkt an: "Wenn wir Ressourcen und Wachstumsmöglichkeiten für die Entwicklungsländer reservieren wollen, dann würde das eine kontinuierliche Einschränkung der Produktion in Europa bedeuten." Anstatt diesen Gedanken weiterzuentwickeln, folgt eine Darstellung der verheerenden Folgen des resultierenden Wachstumsrückgangs. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Sollen die Bloßfüßigen doch schauen, wo sie bleiben! (Alfred Stiglbauer, 19.1.2016)

Alfred Stiglbauer (47) ist Ökonom und unabhängiger Gewerkschafter. Er lebt in Wien und Oberösterreich.

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  • Wir könnten in Europa mehr Wachstum und weniger Arbeitslosigkeit haben, wenn wir weniger auf kurzfristige Budgetziele schielen würden.
    foto: reuters/lucas jackson

    Wir könnten in Europa mehr Wachstum und weniger Arbeitslosigkeit haben, wenn wir weniger auf kurzfristige Budgetziele schielen würden.

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