Was nach der Flüchtlingsquartier-Suche kommt

19. Jänner 2016, 05:30
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Gemeinden suchen Lösungen, wie Ehrenamtliche entlastet und Wohnnöte gelindert werden können

Wieselburg – Wenn 80 Bürgermeister zusammenkommen, um über Flüchtlinge zu diskutieren, mag man mit einem vielstimmigen Stöhnen rechnen. Anders beim Bürgermeistertreffen im niederösterreichischen Wieselburg: Gemeindevorsteher aus Niederösterreich, Oberösterreich und dem Burgenland sprachen auf Einladung des Europäischen Forums Alpbach und des Gemeindebundes über ihre eigenen Wege, mit den Flüchtlingen umzugehen.

Ein großer Teil der Flüchtlinge lebe noch in Notquartieren, sagte Flüchtlingskoordinator Christian Konrad zu Beginn. "Nur wenn wir menschengerechtes und leistbares Wohnen ermöglichen, kann sichergestellt werden, dass Integration funktioniert."

Unterkünfte für Asylwerber zu schaffen ist dabei nur ein Anfangsproblem. Einige Monate nach dem Beginn der großen Flüchtlingsankünfte beschäftigt die Gemeinden die Frage, wie ehrenamtliche Arbeit längerfristig aufrechterhalten werden kann, ohne dass sich die Akteure dabei ausbrennen und schließlich zurückziehen. Zweites Thema ist die Suche nach Wohnungen und Jobs für jene, die bereits Asylschutz erhalten haben.

Pragmatischer Zugang

Was die Ehrenamtlichen betrifft, wählte Johann Singer, Bürgermeister der oberösterreichischen Gemeinde Schiedlberg, eine pragmatische Herangehensweise: Er handelte für seine Gemeinde aus, dass nicht der gesamte Tagsatz für private Asyl-Quartiergeber ausbezahlt wird, sondern ein Teil des Geldes für Flüchtlingsbetreuung einbehalten wird. Das sei, so die Argumentation des Nationalratsabgeordneten der ÖVP, schließlich die Intention des Gesetzgebers gewesen, als der Tagsatz beschlossen wurde.

Mit dem Geld, das nicht an die Quartiergeber fließt, werden hauptamtliche Betreuer bezahlt. Diese Angestellten entlasten Ehrenamtliche und koordinieren. "Mir war es wichtig, dass es nicht ein bis zwei Freiwillige sind, die sich damit überfordern", sagt Singer. Die Ehrenamtlichen sollten sich auf Basisarbeit konzentrieren. In Schiedlberg, einer 1250-Seelen-Gemeinde, die 23 Asylsuchende aufgenommen und damit die Quote übererfüllt hat, umfasst dies Deutschkurse, Flüchtlings-Buddys und das Angebot pensionierter Lehrer, in der Volksschule als Stützlehrer zur Verfügung zu stehen.

Nachverdichtung und Käselöcher

Die Frage des Wohnens plagt auch Gemeinden, die von der Quotenerfüllung weit entfernt sind. In Zeiten der Wohnraumknappheit sei es schwer argumentierbar, leistbaren Raum nur für Flüchtlinge zu schaffen, sagt der Rankweiler Architekt Andreas Postner, der mit der Plattform "Transfer Wohnraum Vorarlberg" ein integriertes Wohnkonzept für Asylsuchende und Ortsansässige geplant hat: kleine, zwei- bis dreigeschoßige Holzbau-Einheiten, 15 bis 30 Personen pro Haus, zwei Monate Bauzeit. Die Objekte sind von Gärten umgeben – als Spiel- und Aufenthaltsraum, aber auch, um Lebensmittel anbauen zu können. Es sind keine Asylunterkünfte, sondern Objekte, die beliebig nachgenutzt werden können.

Für die Gemeinden hat das einen doppelten Effekt: Ihnen bleibt unterm Strich mehr Wohnraum, aber auch das, was Raumplaner "Nachverdichtung" nennen: "Viele Gemeinden sind voller Käselöcher", erklärt Postner – also voller leerer Flächen.

Würde jede der 2089 Gemeinden in Österreich zwei Häuser für je 15 Personen errichten, hätten 70 Prozent jener Menschen, die im Vorjahr einen Asylantrag gestellt haben, eine längerfristige Bleibe, rechnet Postner vor. Für Gemeinden, die nicht in Neubauten investieren, sondern leerstehende Objekte nutzen wollen, bietet der Verein "Raum4Refugees" planerische Beratung an. (Maria Sterkl, 19.1.2016)

  • Artikelbild
    foto: apa/herbert neubauer
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