Türkischer Sicherheitsexperte: "Armee muss die Herzen gewinnen"

Interview21. Jänner 2016, 08:37
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Die PKK hat den Krieg in die Städte getragen, sagt Sicherheitsexperte Metin Gürçan. Doch Ankara hat diesen Konflikt nicht verstanden.

STANDARD: Wie sieht die militärische Lage in den kurdischen Städten im Südosten der Türkei aus? Wer kämpft hier wie gegen wen?

Gürçan: Das hier ist eine ganz neue Art der militärischen Auseinandersetzung. Noch vor drei Jahren wurde der Kampf zwischen der Türkei und der PKK auf dem Land ausgetragen. Jetzt ist es ein Krieg in den Städten, und zwar in diesem Ausmaß zum ersten Mal in den drei Jahrzehnten des Konflikts. Von einem physischen Terrain hat sich der Konflikt auf ein von Menschen bewohntes Terrain bewegt. Die PKK nutzt diesen neuen Raum aus, der türkische Sicherheitsapparat dagegen hat ihn noch nicht völlig verstanden.

STANDARD: Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?

Gürçan: Die türkische Armee hat sehr schnell militärisch auf diese neue Situation geantwortet, ohne die Dynamik und die Besonderheiten dieser Art von Konflikt zu untersuchen. Das ist mein kritischer Einwand. Ankara versucht eine Art Belagerungsstrategie in diesen Städten, um den Willen der PKK-Kämpfer zu brechen und jener Zivilisten, die sie unterstützen. Daraus ist nun ein psychologischer Krieg geworden. Doch wer zahlt dafür den höchsten Preis? Die Zivilbevölkerung. Die sozialen und wirtschaftlichen Kosten dieses Städtekriegs sind hoch. Die PKK, die diese Form des Kriegs aus ihrem Kampf gegen den IS (Terrormiliz "Islamischer Staat", Anm.) in Syrien und dem Irak kennt, nutzt das aus. Ankara wiederum scheint diese Kosten nicht voll abschätzen zu können.

STANDARD: Wie sollte denn die Armee Ihrer Meinung nach mit den Bewaffneten in den Städten umgehen?

Gürçan: Die Entscheidungsträger in Ankara militarisieren diesen Konflikt. Sie haben einen Hammer in die Hand genommen und betrachten die Gräben und Barrikaden, die von der PKK In den Städten errichtet wurden, als Nägel, die man einschlagen muss. Das ist eine kinetische Herangehensweise. Besser wäre es, um die Gräben herumzugehen und die Gründe für ihre Existenz zu verstehen. In diesen Konfliktzonen ist jeder Zweite unter 30 Jahre alt. Die Arbeitslosigkeit ist enorm. Diese Jugend in den Städten lebt in der zweiten oder dritten Generation in Ghettos von Familien, die in den 1990er-Jahren gezwungen wurden, ihre Dörfer zu verlassen. Dies sind junge Menschen, die sich entfremdet fühlen. Die PKK versteht diese Dynamik und nutzt sie für sich aus. Ankara dagegen sieht alles unter dem Paradigma von Terrorismus und Terrorabwehr. Das ist ein wichtiges Paradigma, aber nicht eines, das die Ursachen dieses Konflikts zur Gänze erklärt.

STANDARD: Sollte die türkische Armee dann versuchen, was die Amerikaner im Irak und in Afghanistan versuchten: die Herzen der Zivilbevölkerung gewinnen?

Gürçan: Richtig. Denn wie wird jetzt der Erfolg der Militäroperationen gemessen? Die Zahlen von getöteten Kämpfern der PKK und der YDG-H (Jugendorganisation der Kurdistan Arbeiterpartei PKK, Anm.) sollen der Bevölkerung zeigen, dass der Konflikt gewonnen wird. Ich halte das für ein ungeeignetes Mittel, um Erfolg oder Scheitern zu messen. Besser wäre es, sich auf die Zivilisten zu konzentrieren, die in diesen Konfliktzonen festsitzen. Deren Herzen muss man gewinnen, um auch diesen Konflikt zu gewinnen. Das große Problem in Ankara, das ich sehe, ist die fehlende Strategie. Was kommt nach einem militärischen Sieg? Wie wird ein solcher Sieg in einen dauerhaften politischen Erfolg umgelegt? Hier gibt es viele Fragezeichen. Wir haben uns so auf den Sieg konzentriert, dass wir Gefahr laufen, den Frieden zu verpassen.

STANDARD: Können Armee und Polizei denn diesen Städtekrieg überhaupt gewinnen?

Gürçan: Sie können das. Aber die Frage ist, was danach kommt. Ist der militärische Sieg genug?

STANDARD: In wie vielen Städten im Südosten wird jetzt gekämpft?

Gürçan: Derzeit geht es um 18 Stadtzentren. In rund 50 Stadtvierteln wird gekämpft, vor allem in der Provinz Diyarbakir, in der strategisch wichtigen Stadt Çizre, in Silopi, Nusaybin, zum Teil in Silvan und in Yüksekova. 1,5 Millionen Menschen sind davon betroffen nach Angaben der türkischen Polizei, 300.000 Menschen sind wegen der Kämpfe geflüchtet.

STANDARD: Welche Waffen hat die kurdische Seite?

Gürçan: Maschinengewehre und RPG-7-Panzerbüchsen. Ein wichtiger Punkt. Die PKK hat nicht nur den Konflikt in die Städte verlegt, sie hat Minderjährigen Waffen gegeben, mit denen sie die Armee zu Überreaktionen provoziert. (Markus Bernath, 19.1.2016)

Metin Gürçan (39) ist ein ehemaliger Offizier der türkischen Armee mit Erfahrung in Auslandseinsätzen wie in Afghanistan. Er arbeitet nun als Sicherheitsexperte und als Kolumnist des Nachrichtenportals Al-Monitor.
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