"Siegfried": Furchtlos und fiebrig

18. Jänner 2016, 16:10
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Raub, Totschlag, Unzucht, Inzucht und ihre Folgen: Wagners "Siegfried" an der Wiener Staatsoper mit Christian Franz und Linda Watson

Wien – Was bisher geschah: Raub, Totschlag, Unzucht, Inzucht (unter anderem). Als furchtlose Frucht dieser Unglücksfolge sehen wir den jungmännlich-renitenten Siegfried.

Er dauerkeppelt mit Mime; sein emotional blockierter Pflegevater ist mit der Alleinerziehung des Heißsporns sichtlich überfordert. Herwig Pecoraro trippelt hektisch im Leopardenmantel herum, pariert die Anwürfe seines Schützlings mit seinem dichten, hellen, quengeligen Charaktertenor. Pecoraro hat in den eineinhalb Stunden des ersten Aufzugs quasi durchzusingen und bewältigt den Marathon bravourös.

Christian Franz gibt den Siegfried tapsig. Vor Beginn des zweiten Aufzugs lässt sich der Deutsche als gesundheitlich angeschlagen ansagen (Darmgrippe, Fieber) und singt von da an deutlich befreiter. Der Routinier bietet eine gesanglich solide Interpretation der Partie mit durchschlagskräftigen Spitzentönen und einigen Nuancen.

Nur in der Vereinigung mit der verstoßenen Lieblingstochter seines einzigen Großvaters will sich kein Gran an Ekstase einstellen.

Franz und Linda Watson – sie gibt die Brünnhilde – singen und lieben im wenig erbaulichen Bühnenbild von Rolf Glittenberg professionell aneinander vorbei. Watson ergeht sich in ihrer halben Stunde in sängerischer Zurückhaltung, eine schaumgebremste Sirene. Aber sie hat ja auch gerade erst 20 Jahre durchgepennt.

Aufwachen tut man immer dann, wenn Tomasz Konieczny dran ist: Der Pole gibt einen virilen, vokal mächtigen Wanderer. Ein Genuss ist auch Jochen Schmeckenbechers Alberich: so textdeutlich und differenziert, mit fast zu schönem Bariton für diesen hässlichen Charakter.

Eine eindrucksvolle Erscheinung: Anna Larsson als Erda, erfahren und souverän. Groß Sorin Colibans Fafner, klar und kräftig Andrea Carroll als Stimme des Waldvogels.

Das Orchester der Wiener Staatsoper musiziert präzise, agil, engagiert und enorm situationselastisch; Dirigent Adam Fischer achtet auf sängerdienliche Lautstärken. Begeisterung. (Stefan Ender, 18.1.2016)

Staatsoper: Als Nächstes wird der vierte Teil der Nibelungen-Tetralogie in der Staatsoper gegeben: Götterdämmerung, 24. 1., 16.00

  • Vor der Götterdämmerung: Alberich (Jochen Schmeckenbecher, li.) und der Wanderer (Tomasz Konieczny).
    foto: wiener staatsoper / michael pöhn

    Vor der Götterdämmerung: Alberich (Jochen Schmeckenbecher, li.) und der Wanderer (Tomasz Konieczny).

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