"My Talk with Florence": Eintreten in den dritten Kreis der Hölle

19. Jänner 2016, 05:30
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Kathartischer Sprechakt: Eine Frau erzählt dem Filmemacher Paul Poet, wie sie und ihre Tochter einst in das Abhängigkeitsnetz Otto Muehls und seiner Kommune gerieten

Wien – Als die Kamera zu laufen beginnt, holt Florence erst einmal eine Puppe zu Hilfe. Sie braucht jemanden, der bei ihr ist, auch wenn es sich um ein Denkmal ihrer Leiden handelt. Denn bei der Puppe sind "alle Löcher durchgenützt", wie Florence in ihrem immer noch französisch geprägten Deutsch sagt. "Durchgenützt", das ist ein anderes Wort für "missbraucht".

Fälle von Missbrauch ziehen sich durch den zweistündigen Bericht, den Paul Poet von Florence Burner-Bauer zu Protokoll genommen hat. Die Aufnahmen entstanden 2008, sie waren damals für ein Theaterprojekt gedacht, nun werden sie als Film veröffentlicht, ungeschnitten mit Rauchpausen und Unterbrechungen, wenn das Telefon läutet. Und mit dem offenen Verlauf eines Gesprächs, das Paul Poet nur gerade so auf Kurs halten muss, das aber im Grunde aufgrund der bedrängenden Intensität der Erinnerungen fast wie von selbst vorankommt.

Florence kam um 1980 auf den Friedrichshof im Burgenland in die Kommune, in der Otto Muehl, Aktionskünstler und Maler, der unumschränkte Despot war. Es fügte sich so, weil sie Hoffnungen hatte, dort eine positive Energie zu finden: "Es war mir wichtig, dass ich umgehen könnte mit mir." Denn "ich war gestört". Sie kam, diese starke Metapher scheint nicht unangemessen, von einem ersten und einem zweiten Kreis der Hölle in den dritten. Und sie hatte Kinder dabei, darunter eine neunjährige Tochter, ein "frühreifes", schönes Mädchen, das fortan "der Schatten von Otto Muehl" wurde.

polyfilm verleih

Florence berichtet damit von einem doppelten Missbrauch, denn sowohl sie als auch ihre Tochter gerieten in Abhängigkeit von Muehl, wurden zu Opfern der Manipulationskunst in einer Gemeinschaft, in der es einen "Fickplan" gab, und in der das Ritual der "Selbstdarstellung" zu einem Drogenersatz für die frühere Heroinabhängige wurde. Der Geruch von "Ölfarbe und Shit", der an Muehls Weste hing, war für Florence betörend; nun erinnert sie sich dessen als eines der vielen Momente einer zerstörerischen Beziehung, die ihre Wurzeln in einem früheren Missbrauch hatte, dessen Opfer Florence schon als Kleinkind wurde. Sie lebte danach jahrelang als Vagabundin, ein Leben, dem sie auch ihre eigenen Kinder aussetzte.

Es gibt viele Details, in denen das ausführliche Interview immer wieder auch zeithistorische Qualität gewinnt (zwischendurch wird über den 2010 verstorbenen früheren burgenländischen Landeshauptmann Theodor Kery gesagt, "er hat sich auch amüsieren lassen" auf dem Friedrichshof, eine Behauptung, die eigentlich eine genauere Nachfrage erfordern würde).

Doch in erster Linie ist dies wohl ein kathartischer Sprechakt, eine Entfaltung des ersten "Neins", zu dem Florence sich erst spät in der Lage sah, nach dem Gerichtsverfahren gegen Otto Muehl. Sich etwas von der Seele zu sprechen ist zwar nicht in zwei Stunden getan, aber es ist immerhin ein Anfang, eine "talking cure", die zugleich ein verspäteter Zeugenauftritt ist. Im Prozess durfte Florence Burner nicht aussagen. Nun kann sie zumindest ihr eigenes Urteil sprechen. Otto Muehl "hatte nichts zu sagen. Er hatte nur zu verstecken." (Bert Rebhandl, 19.1.2016)

Ab Freitag im Kino

  • Florence Burner-Bauer gibt zu Protokoll, wie sie als "gestörte" junge Frau samt ihren Kindern  nach einem Vagabundenleben in das despotische Regime auf den Friedrichshof kam.
    foto: polyfilm

    Florence Burner-Bauer gibt zu Protokoll, wie sie als "gestörte" junge Frau samt ihren Kindern nach einem Vagabundenleben in das despotische Regime auf den Friedrichshof kam.

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