Wenn der Turm am Meeresgrund kratzt

Ansichtssache19. Jänner 2016, 07:00
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Ein belgischer Architekt träumt von Unterwasser-Ökotürmen, die bis zu 1.000 Meter in die Tiefe wachsen – und will damit auf die Verschmutzung der Meere aufmerksam machen

rendering: vincent callebaut architectures

Normalerweise sind es spektakulär in den Himmel wachsende "Skyscraper", die für Schlagzeilen sorgen. Der belgische Architekt Vincent Callebaut hat nun aber seine Pläne für mindestens ebenso spektakuläre "Oceanscrapers" präsentiert.

Was hinter seinem Gedankenspiel steckt: Die im Wasser schwebenden Gebäude schrauben sich nicht in die Höhe, sondern in 1.000 Meter Tiefe. Das Projekt nennt sich Aequorea – benannt nach der fluoreszierenden Qualle Aequorea Victoria – und ist – zumindest auf den Renderings des Architekten – vor der Küste von Rio de Janeiro angesiedelt. 20.000 Menschen sollen in einem Turm Platz finden, ihre modularen Wohnungen zwischen 25 und 250 Quadratmeter groß sein.

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rendering: vincent callebaut architectures

Die "Oceanscrapers" ähneln tatsächlich den namensgebenden Quallen. Insgesamt ist das Projekt als Öko-Village angelegt. Die Gebäude sollen aus recyceltem Plastik und Algen und mittels 3D-Drucker hergestellt werden – das Gemisch nennt sich Algoplast und ist laut Architekt bisher noch nicht erfunden.

Das Trinkwasser für die Bewohner soll aus Salzwasser gewonnen werden, Mikroalgen den Bio-Abfall zersetzen. Allgemein soll in Aequorea ausschließlich auf erneuerbare Energie gesetzt werden. Künftige Bewohner der Türme könnten sich von Algen, Plankton, Weichtieren, Obst und Gemüse ernähren, das in den Bereichen über Wasser angebaut wird.

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rendering: vincent callebaut architectures

Nicht nur Wohnraum soll es geben, auch von wissenschaftlichen Laboren, Büros, Sportplätzen, "Sea Farms" und Korallengärten träumt der Architekt.

Die Baukosten würden laut Berechnungen bei 1.950 Euro pro Quadratmeter liegen, derzeit befindet sich das Projekt im Forschungsstadium.

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rendering: vincent callebaut architectures

Für jene, die bei dem Gedanken, unter Wasser zu leben, ein mulmiges Gefühl bekommen: Die Geometrie der Türme würde sich Strömungen im Wasser und dem Auftrieb widersetzen, beruhigt Callebaut – daher würden Bewohner auch nicht seekrank werden. Die doppelten Außenmauern würden zudem dem wachsenden Druck unter Wasser standhalten.

Zwar wird Callebauts mehr als visionäres Konzept wohl in naher Zukunft nicht in Realität umgesetzt werden – er hofft aber, damit die Verschmutzung der Meere ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken.

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rendering: vincent callebaut architectures

Die Idee, Menschen unter Wasser anzusiedeln, hatten übrigens auch schon andere – Hotels mit Unterwasserbereichen gibt es bereits. Mit dem "Hydropolis Underwater Hotel and Resort" hätte ein besonders spektakuläres Hotel in Dubai gebaut werden sollen. Daraus wurde aber nichts.

Eine japanische Baufirma wiederum machte vor rund einem Jahr von sich reden, als sie prognostizierte, dass schon ab 2030 Menschen in spiralförmigen Unterwasser-Städten wohnen könnten. (zof, 19.1.2016)

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Vincent Callebaut Architectures

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