Körperverletzungsprozess: Billy, Willy und ein Arschloch

19. Jänner 2016, 05:30
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Ein 54-Jähriger und ein 75-Jähriger sollen in Raufereien verwickelt gewesen sein. Das Verfahren bietet atmosphärische Einblicke

Wien – Wien-Döbling gilt gemeinhin eher als nobler Wohnbezirk der Bundeshauptstadt. Dass es aber nicht nur beispielsweise in Transdanubien, sondern auch dort durchaus handfest zur Sache gehen kann, erfährt Richterin Elisabeth Reich im Prozess gegen Franz L. und Eduard E., die beide wegen Körperverletzung hier sind.

Der 54-jährige Erstangeklagte soll laut Anklage zweimal Täter und einmal Opfer sein. Er selbst sieht das Verhältnis genau umgekehrt – einmal Täter, zweimal Opfer. Der erste Fall ereignete sich bereits am 11. September 2013. L. gesteht ein, damals bei einer Rauferei einen Kontrahenten verletzt zu haben, will aber eigentlich in Notwehr gehandelt haben.

Der drahtige Angeklagte war damals über Roswitha A., die Kellnerin des Lokals, ein wenig verärgert, gibt er zu. Er verließ die Gaststätte, "beim Merkur habe ich mir ein Semmerl und ein Bier gekauft". Die Dose konsumierte er dann allerdings wieder in dem Beisl, einer der Kellner forderte ihn daher auf zu gehen.

Rippenbrüche und Rissquetschwunde

"Er hat mich von hinten gepackt, und der hat mit Füßen und Fäusten auf mich eingedroschen", sagt der Unbescholtene und deutet auf den 75-jährigen Zweitangeklagten. "Ich wurde auch kurz bewusstlos, als ich wieder zu mir kam, habe ich den Kellner geschlagen." Rippenbrüche und Rissquetschwunden hat L. damals tatsächlich erlitten.

E. streitet das energisch mit einer doppelten Verneinung ab und bekennt sich "ned amoi ned schudig". Er habe nur dem Kellner, seinem Freund, helfen wollen, da der von L. attackiert wurde. Im Zuge des Gerangels fielen er und sein Mitangeklagter um, dabei habe er sich gewehrt. Vielleicht sei es dabei zu den Verletzungen gekommen. Aber mit L. sei es so eine Sache: "Der is im gonzn 19. als Rafer bekannt!"

Zwischen Freund- und Partnerschaft

Entscheidend sind also die Zeugenaussagen. Die erste kommt von Roswitha A., der Kellnerin. Deren Verhältnis zu L. ist ein wenig kompliziert. Er sagt, dass sie mittlerweile seine Partnerin sei. Sie sagt der Richterin mit Bestimmheit: "Wir sind nur Freunde!"

2013 hatte man jedenfalls nur eine geschäftliche alkoholmäßige Beziehung. Das ist insofern relevant, als sie sechs Wochen nach dem Vorfall bei der Polizei L. noch belastete.

Der habe den ersten Schlag gegen "Billy", den Kellner, gesetzt. Mehrere Personen, darunter der 87-jährige Stammgast "Willy", seien zu Boden gegangen. auch der Zweitangeklagte, "Gogerl" genannt, sei fast gestürzt, von dessen Tritten sprach sie damals nicht. 2013 sagte sie übrigens auch noch, dass sie keinen der Gäste wirklich kenne.

Völlig andere Geschichte

Vor Reich stützt die 55-Jährige dagegen vollinhaltlich die Version des Angeklagten. "Das ist heute aber eine vollkommen andere Geschichte. Jetzt ist er plötzlich der Arme", hält ihr Reich vor. Das sieht A. zunächst gar nicht so und erklärt es schließlich so: "Ich wollte eigentlich meine Ruhe haben. Im Gastgewerbe macht man einiges mit."

Der damals von L. verletzte Kellner beteuert, der Angeklagte habe angefangen, sei extrem aggressiv gewesen. Von Tritten des Zweitangeklagten habe er nichts mitbekommen, der sei aber sicher einmal auch auf dem Boden gelegen.

Bleibt Zeuge Karl Heinz D., der ebenfalls anwesend war und sehr wohl Tritte wahrgenommen hat; wie viele, kann er aber nicht mehr sagen.

Gehirnblutung und Knochenbruch

Interessanterweise sind Roswitha A. und Karl Heinz D. auch in den zweiten angeklagten Fall verwickelt. L. soll am 11. September 2015 in einem Imbissstand bei einer S-Bahn-Station im 19. Bezirk den Besitzer so schwer verprügelt haben, dass der mit einer Gehirnblutung und einem gebrochenen Gesichtsknochen ins Krankenhaus kam.

Der Erstangeklagte leugnet das. Im Gegenteil: "Die Frau Roswitha und ich haben uns dort getroffen und zwei Achterl getrunken. Der Herr Mehmet hat mit fünf anderen zu spielen begonnen und einen Schnaps nach dem anderen getrunken."

Als das Paar gegen 23.30 Uhr noch Weinnachschub ordern wollte, habe der Wirt gesagt, er schließe, da er mit der letzten S-Bahn nach Hause müsse. "Ich habe dann gesagt, wenn er weniger trinken würde, könnte er mit dem Auto fahren", erzählt der Angeklagte.

Er rapportierte den erfolglosen Bestellversuch, A. habe das noch mit "Der is scho wieda fett" kommentiert, als Mehmet S. plötzlich auf ihn losgestürmt sei und ihm einen Schlag ins Gesicht verpasst habe.

Mit dem Kopf gegen Glastür

Im Fallen habe er seinen Gegner noch weggestoßen, der kam ebenso zu Sturz. Als S. sich aufgerappelt hatte, sei er von A. abgedrängt worden. "Und woher hatte der Herr dann seine Verletzungen?", wundert sich Reich. "Er hat schon öfters mit dem Kopf gegen die Glastür geschlagen, wenn er sich geärgert hat", lautet die Antwort.

Der Verletzte erzählt die Geschichte ziemlich anders. Ja, er habe zuvor mit Gästen Schnaps getrunken. Und ja, er wollte früher Schluss machen. Daraufhin habe Frau A. zum Erstangeklagten gesagt: "Der ist ein Arschloch und bleibt ein Arschloch!" Das habe ihn wütend gemacht, er schimpfte zurück. Worauf ihm L. unvermittelt mit der rechten Faust so fest aufs linke Auge schlug, dass er umfiel.

Im Liegen sei er dann noch getreten worden. Der 47-Jährige, der 3.000 Euro Entschädigung will, hat nur ein Problem: Unmittelbar nach dem Vorfall hatte er bei der Polizei noch viel vagere Angaben gemacht. Von einem Schlag gegen das Auge erzählte er damals nichts, auch nicht von Tritten. Und überhaupt sagte er nie dezidiert, dass L. ihn geschlagen habe, hält ihm dessen Verteidiger Christian Werner vor.

Vage Erinnerung

"Ich hatte wegen der Gehirnblutung keine genaue Erinnerung mehr", sagt er nun. Und dass er sich "ziemlich sicher" sei, dass die Geschichte nun stimme. "Ziemlich sicher?", fragt die Richterin misstrauisch.

Roswitha A. untermauert wenig überraschend die Darstellung des Angeklagten. Und beteuert darüber hinaus, S. habe keinerlei sichtbare Verletzungen gehabt, als man nach der Auseinandersetzung gegangen sei.

Dem widerspricht wiederum Karl Heinz D., der nach der Auseinandersetzung das Blut im Gesicht des Opfers gesehen hat. Nur: Wie es zu der Verletzung gekommen ist, weiß er nicht wirklich.

Franz L. habe den Streit zwar begonnen, er sei aber selbst zu Sturz gekommen und habe nur wenig gesehen. Bemerkt will er nur haben, dass Roswitha A. einmal auf den liegenden S. hingetreten habe – was die von der Zuseherbank aus mit "Lügner!" kommentiert.

Freispruch und Diversion

In diesem Fall wird L. aufgrund der dubiosen Zeugenaussagen schließlich rechtskräftig freigesprochen. Bei der zweiten Schlägerei sieht Reich bei beiden Parteien eine Schuld und drängt auf eine Diversion, die der Staatsanwalt vorerst nicht akzeptiert.

Pensionist E. versucht sie das Prozedere des Tatausgleichs zu erklären. Originellerweise mit den Worten: "Da geht es darum, dass Sie noch einmal reden und zusammenraufen, wie viel Geld sie ihm zahlen." Eine körperliche Auseinandersetzung meint sie logischerweise nicht, E. ist einverstanden: "I wü nua hobn, dos a Rua is." (Michael Möseneder, 18.1.2016)

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