UdSSR reloaded

Einserkastl17. Jänner 2016, 18:47
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Bücher werden verboten, Künstler verlassen das Land

Was sich in den letzten Jahren in Russland entwickelt, sich still und leise oder plötzlich laut materialisiert hat, was nun zum neuen Alltag der Russen gehört, riecht nach alten Geistern. Bücher werden verboten. Künstler verlassen das Land in einer Intensität, die einem UdSSR-Exodus ähnlich zu sehen beginnt. Autor Sorokin, der politisch scharfe Kritik wagte, hat sich in Berlin niedergelassen. Schischkin, ebenfalls Putin-Kritiker und mit dem russischen Booker-Preis ausgezeichnet, hat in einem Gespräch erwähnt, nicht mehr nach Russland reisen zu wollen. Er, der zwischen der Schweiz und der Heimat pendelte, sei jetzt "im Exil angekommen". Im Unterschied zu einigen Kunstschaffenden hat Schischkin immer an das freie, postsowjetische Russland geglaubt. Wenn nun auch er dem Land den Rücken kehrt, ist das alarmierend. Der Auslöser zu der Entscheidung war unrühmlich. Auf dem bekanntesten Buchgeschäft in Moskau hatten Unbekannte ein Transparent entrollt, das kritische Schriftsteller als Volksverräter beschimpfte – in typisch sowjetischer Diktion. Unter den Genannten die ebenfalls Booker-preisgekrönte Ljudmila Ulitzkaja. Ausschlaggebend für Schischkin sei aber gewesen, wie lange dieses Transparent hängen blieb: Niemand wagte offenbar, es abzumontieren. Menschen senkten die Köpfe und gingen schnell daran vorbei. Dieser vorauseilende Gehorsam ist bis zur Schmerzgrenze wohlbekannt. (Julya Rabinowich, 17.1.2016)

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    foto: reuters
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