Das virtuelle Licht ist ein Höllenfeuer

17. Jänner 2016, 18:42
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Richard Siegal und das Bayerische Staatsballett im Festspielhaus St. Pölten

St. Pölten – Diesem Choreografen gelingt es, große Bühnen in dreidimensionale "Kinoleinwände" umzuwandeln. Wie so etwas wirkt, hat Richard Siegal (47) gerade im Festspielhaus St. Pölten gezeigt. An leider nur einem Abend präsentierte er dort als Artist in Residence seine Stücke Metric Dozen und Model. Er hinterließ ein definitiv durch-, vielleicht auch aufgerütteltes, sicher aber schwer beeindrucktes Publikum.

Siegals Tänzerinnen und Tänzer kommen aus seiner Gruppe The Bakery und aus dem Bayerischen Staatsballett München. Die eindringliche elektronische Musik stammt von dem Komponisten Lorenzo Bianchi Hoesch, für das im besten Sinn abgründige bis angriffig flashige Licht ist Gilles Gentner verantwortlich.

Beide Stücke sind Ausdruck einer ins Wanken geratenen Hochleistungsmaschinerie, die den menschlichen Körper zum Dauer-Catwalk treibt und in einen anschwellenden digitalen Mahlstrom zieht. Metric Dozen macht die Schlagschatten jener schrillen Netzwerke spürbar, die den Körper in immer neue Selbstdarstellungsexzesse zu ziehen suchen.

Lichtkegel blitzen ins Leere, bis Hüllen von Figuren auftauchen, die wie in Filmüberblendungen andere Gestalten aus sich selbst treten lassen. Soli, Duette und Gruppen spannen diese Wiedergänger des Individuellen, die im Rausch des Sichzeigens ihre eigene Angepasstheit verdrängen, in eine zersplitternde Ordnung: hoch aufgerichtete Wunder der Selbstnormierung, grazil und kraftvoll, leidenschaftlich und diszipliniert.

Die Schauplätze von Model, dem zweiten Stück, weist ein Satz aus Jorge Luis Borges' Buch von Himmel und Hölle aus: "Im klaren Glas eines Traums habe ich einen Blick auf den Himmel und die Hölle erhascht, die auf uns lauern: ... für die Zurückgewiesenen ein Inferno und für die Auserwählten das Paradies." Hier lodert William Gibsons "virtuelles Licht" als kaltes Höllenfeuer. Screens formen in flimmernder Ekstase das Bild eines Babykopfs. Die Tänzer bilden einen um sich selbst rotierenden, von Maschinengewehrhämmern angetriebenen Mechanismus. Ein härteres Ballett zu unserer Gegenwart ist nur schwer vorstellbar. (Helmut Ploebst, 17.1.2016)

  • Choreograf Richard Siegal mit dem Bayerischen Staatsballett in St. Pölten
    foto: verchere

    Choreograf Richard Siegal mit dem Bayerischen Staatsballett in St. Pölten

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    foto: verchere
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