"Suite française": Der Reiz der Nebenhandlung

17. Jänner 2016, 18:21
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Irène Némirovskys Kriegsdrama in der gediegenen Verfilmung von Regisseur Saul Dibb

Wien – Im Sommer 1940 fühlen sich die Bewohner einer französischen Kleinstadt von einer zweifachen Invasion gestört: Aus Paris kommt eine nicht enden wollende Zahl an Flüchtenden, aus Deutschland die Besatzungsmacht. Beide Gruppen wollen in der vom Krieg bisher unberührten Gemeinde untergebracht werden; Die einen betteln darum, die anderen fordern es ein. Irène Némirovsky, 1903 in eine wohlhabende jüdische Familie geboren und bereits in jungen Jahren eine gefeierte Autorin, hat die daraus erwachsenden Spannungen selbst erfahren, als sie mit ihrer Familie aufs Land flüchten musste.

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Verarbeiten wollte sie dies in einer Romanreihe, die unvollendet bleiben musste. 1942 starb Némirovsky im KZ Auschwitz an Typhus. Erst über 50 Jahre später entdeckte ihre Tochter die Manuskripte des geplanten Opus magnum, 2004 wurde das Werk unter dem Titel Suite française mit großem Erfolg veröffentlicht. Ein wahres literarisches Kriegsdrama.

Die Verfilmung des Bestsellers muss diese Entstehungsgeschichte natürlich zumindest im Abspann erwähnen. Regisseur Saul Dibb will seinen überaus gediegenen Film schließlich auch als posthumen Triumph über das "Dritte Reich" verstanden wissen.

Die Romanze

Dabei erscheint Suite française – Melodie der Liebe jedoch weniger kämpferisch als vielmehr so, wie es der für den deutschsprachigen Raum angehängte schmalzige Zusatztitel vermuten lässt. Während Némirovsky in den zwei vollendeten Bänden Sturm im Juni und Dolce ein vielstimmiges Bild ihrer Zeit gezeichnet hat, konzentriert sich Dibb mit Koautor Matt Charman auf die Romanze, die im Zentrum des zweiten Teils steht.

Die unglücklich verheiratete Lucile Angellier (Michelle Williams) lebt bei ihrer eisigen Schwiegermutter (Kristin Scott Thomas) in einem der besten Häuser von Bussy. Ihr Mann ist in Kriegsgefangenschaft, das heimliche Klimpern am Klavier ihre einzige Freude. Als der deutsche Offizier Bruno von Falk (Matthias Schoenaerts) in der Villa einquartiert wird, beginnen Luciles Wangen jedoch bald sanft zu erröten.

Innere Konflikte

Verdenken kann man es ihr schwer, ist Bruno von Falk doch wohl der netteste Nazi, den man in den letzten 70 Jahren auf der Leinwand sehen konnte, eine schneidige Erscheinung mit Taktgefühl. Töten mag er nicht so gerne, Pianospielen dafür umso mehr. Zu Luciles inneren Konflikten gesellen sich bald noch handfestere dazu.

So wird sie am Dorfplatz zwar schief angeschaut, wenn es aber darum geht, bei der Besatzungsmacht zu intervenieren, wendet man sich gerne an sie. Größte Gefahr droht schließlich, als der wegen einer Verletzung nicht an der Front dienende Benoît Labarie (Sam Riley) seine Familie durch den sadistischen Offizier Bonnet (Tom Schilling) bedroht sieht. Diese und andere teils verbundene Nebenhandlungen geraten letztendlich interessanter als die verbotene Liebe zwischen Lucile und Bruno.

Zu verhalten legen Williams und Schoenaerts ihre Figuren an, um neben den sie umgebenden Dramen, bei denen es wirklich um Leben und Tod geht, emotionale Dringlichkeit zu vermitteln. Daran vermag auch Luciles Erzählstimme – die in der Originalversion wie alle "Franzosen" in feinstem Britisch parliert – nichts zu ändern. (Dorian Waller, 17.1.2016)

  • Verbotene Liebe:  Lucile (Michelle Williams) und  Bruno (Matthias Schoenaerts).
    foto: constantin

    Verbotene Liebe: Lucile (Michelle Williams) und Bruno (Matthias Schoenaerts).

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