"Der Idiot": Sarkastische Seifenoperette

17. Jänner 2016, 18:18
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Ex-Burgtheaterdirektor Hartmann inszeniert Dostojewski am Staatsschauspiel Dresden

Inzwischen gehört er in Deutschland zu den meistgespielten Theaterautoren: Fjodor Michailowitsch Dostojewski. Adaptionen seiner umfangreichen Romane für die Bühne haben in dieser Spielzeit bereits die Dramen von Henrik Ibsen und Anton Tschechow überholt.

Wenn Ex-Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann nach Beethovens Oper Fidelio in Genf nun auch beim Schauspiel im Theater Dresden mit Dostojewskis Der Idiot sein Regiehandwerk wiederaufnimmt, bietet er allerdings keine Dramatisierung des Romans, sondern lässt die Geschichte von einem elfköpfigen Ensemble erzählen: in direkter und indirekter Rede, im Indikativ, dann wieder im Konjunktiv, und auch die vielen Kommentare des allwissenden Erzählers werden zitiert und im Erzählen vorgespielt.

Episches Theater also, doch ohne politisch-pädagogische Dialektik wie bei Brecht, sondern von großer komödiantischer Theatralik. Hartmann versteht es sehr geschickt, die Dresdner Schauspieler zu beeindruckender Spiellust zu verführen. Trotz über vier Stunden Spiellänge ist es ein kurzweiliges Theatervergnügen, an eine Fernsehsoap erinnernd, denn vor und nach den beiden Pausen gibt es Cliffhanger beziehungsweise Kurzzusammenfassungen. Man könnte die lange Aufführung also auch in drei einzelne Abende portionieren.

Die komödiantischen Erzählungen der Schauspieler unterstützt die abstrakte, praktikable Bühne von Johannes Schütz: Aus einer Rückwand fahren immer wieder effektvoll bis zu zehn Seitenwände nach vorne, die den Bühnenraum in mehrere Zimmer und Wohnungen unterteilen können.

Schnell abgearbeitete metaphysischen Fragen

Es sind Momente großer Klarheit und tiefer metaphysischer Wahrheit, die ganz plötzlich das gesamte Erdenleben erleuchten und die Fürst Myschkin, Dostojewskis Titelheld, unmittelbar vor seinen epileptischen Anfällen erlebt. Hartmann zitiert dieses Perspektive Dostojewskis auf seinen Helden als Prolog. Doch damit scheinen für ihn für den weiteren Abend alle metaphysischen Fragen bereits abgearbeitet. Momente blitzartiger Klarheit und Wahrheit leuchten nicht mehr auf; in Exzesse von Selbstdestruktion oder abgründiger Verbitterung wird der Zuschauer nie gezogen.

André Kaczmarczyk bleibt als Fürst Myschkin ein liebenswürdiger, schüchtern-naiver Idiot, der in einer Gesellschaft voller derber Theaterspießer wie in einer Operette geraten ist: Ehen, in denen man es sich schrullig arrangiert hat, Töchter, die verheiratet werden müssen, ältere Playboys, alkoholsüchtige Rentner, Kammerdiener und Offiziere, begehrte Frauen von zweifelhaftem Ruf – und ein erotisches Verlangen, das Begehren mit Hass und Rache mischt.

Lacher für sarkastische und zynische Pointen

Die vielen sarkastischen und zynischen Pointen werden vom Publikum gerne lachend quittiert, und Rosa Enskat als Generalswitwe Lisaweta (stolz, dumm, verbittert, aber doch auch mit Herz) gibt sogar im dritten Teil ein russisches Chanson zum Besten.

Sicher bietet Boulevard, wenn er schauspielerisch so präzise wie am Dresdner Staatsschauspiel geboten wird, immer wieder beeindruckende psychologische Kabinettstückchen, oft an ganz unerwarteten Nebenschauplätzen des Romans – der mürrische, auf Vorschriften bedachte Kammerdiener bei General Jepantschin (Jan Maak) zum Beispiel, der sich auf einmal dann doch von der Ausstrahlung des Idioten gefangennehmen lässt.

Dostojewskis schwerer, mit Religionsfragen ringender Romanwälzer also bei Hartmann als locker-leichtes, niveauvolles Theateramüsement – mehr nicht. Warum auch nicht. (Bernhard Doppler, 17.1.2016)

  • Yohanna Schwertfeger, Christian Erdmann und André Kaczmarczyk (von links) in Matthias Hartmanns Dresdner Dostojewski-Inszenierung.
    foto: matthias horn

    Yohanna Schwertfeger, Christian Erdmann und André Kaczmarczyk (von links) in Matthias Hartmanns Dresdner Dostojewski-Inszenierung.

  • André Kaczmarczyk als liebenswürdiger, schüchtern-naiver Idiot.
    foto: matthias horn

    André Kaczmarczyk als liebenswürdiger, schüchtern-naiver Idiot.

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