Liebender Facebook-Freund

Glosse18. Jänner 2016, 11:02
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Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Schönste, was es gibt auf der Welt. Wörter und ihre Herkunft

Sich einloggen auf Facebook, online sein. Posten, chatten, kommentieren, "gefällt mir". Ein paar Mausklicks entfernt sind meine Freunde. Wen kann ich als Nächstes adden? Mein Beziehungsstatus: frei.

Neuhochdeutsch frei und Freund leiten sich etymologisch von derselben indogermanischen Wurzel (*prāi-) ab, die "schützen, schonen, gernhaben" bedeutet. Denn das war die Haltung, die die Germanen ihren Blutsverwandten beziehungsweise Stammesangehörigen (im Gegensatz zu Fremdbürtigen) entgegenbrachten.

Aus dieser Grundbedeutung entwickeln sich zwei Bedeutungsstränge: einer, in dem die "Liebe" zum Tragen kommt (siehe Freund), und einer, der den Schutz durch die Stammeszugehörigkeit und die sich daraus ergebende Freibürtigkeit mehr betont (siehe frei).

foto: ap/jeff chiu
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Liebender Freund, hassender Feind

Ein Freund (mittelhochdeutsch vriunt, altenglisch frīond/frēond, neuenglisch friend) ist somit dem Wortsinn nach "liebend", ein Feind (mittelhochdeutsch vīent/vīnt, altenglisch fīond, neuenglisch fiend "Teufel, Dämon, Bestie") "hassend". Beide waren ursprünglich Mittelwörter der Gegenwart und leiten sich von gotisch frijōnds (zu frijōn "lieben") beziehungsweise fijands (zu fijan "hassen") ab. Zu den wenigen Überlebenden dieser Deklinationsklasse gehören noch "Heiland" und der Familienname "Weigand" (zu althochdeutsch wīgan "kämpfen").

Im Schutz einer Gemeinschaft

Das Adjektiv mittelhochdeutsch vrī (gotisch freis, althochdeutsch frī, mittelhochdeutsch vrī, altenglisch frēo, neuenglisch free) wird zu einem Wort der Rechtsordnung und bedeutete ursprünglich "freigeboren", das heißt im Schutz einer Gemeinschaft, also auch: adelig, unbekümmert, nicht gebunden, ledig. Somit ist der Grundstein für den heutigen, sehr weiten Bedeutungsumfang gelegt.

Das mittelhochdeutsche Verb vrīen heißt "freimachen, erlösen, erretten, befreien", aber auch "freien, um eine Braut werben, heiraten". Davon leitet sich das mittelhochdeutsche vrīer ab, "Freier, Brautwerber". In Märchen müssen Prinzen noch allerlei Mutproben bestehen, wenn sie um eine schöne Prinzessin freien. Heute sind lediglich Kunden von Prostituierten auf "Freiersfüßen".

Schon wieder eine Freundschaftsanfrage auf Facebook! Bestätigen? Freilich. (Sonja Winkler, 18.1.2016)

PS: Übrigens, über falsche Freunde (zum Beispiel neuenglisch gift ǂ neuhochdeutsch Gift; neuenglisch mist ǂ neuhochdeutsch Mist) stolpern wir oft beim Erlernen einer Fremdsprache.

Sonja Winkler beschäftigt sich seit mehr als 30 Jahren mit der Etymologie von Wörtern. Sie studierte Germanistik und Anglistik im Lehramt in Wien, übte mehr als 20 Jahre eine Lektorentätigkeit am Germanistischen und Anglistischen Institut der Uni Wien aus und war 18 Jahre im Schuldienst. Seit vier Jahren ist sie in Pension.

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