Helden, für einen Tag

16. Jänner 2016, 15:35
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Zum ersten Mal in der NFL-Geschichte gewannen alle vier Auswärtsteams an einem Playoff-Wochenende ihre Spiele. Eine Wiederholung in den Divisional Playoffs ist unwahrscheinlich

Lediglich in einem Spiel der Wild Card-Runde standen mit den Kansas City Chiefs die Gewinner bereits relativ früh fest. Die Houston Texans Offensive war genau so schwach wie zu befürchten stand, Quarterback Bryan Hoyer produzierte fünf Turnovers, womit auch ihre Defense ihnen eine deutliche 0:30-Niederlage nicht ersparen konnte. Kansas City erzielte zwar "nur" zwei Touchdowns mit seiner Offense, konnte jedoch genau jenes Spiel aufziehen welches es wollte und sah damit auch durchgehend wie die Mannschaft mit dem besseren Plan aus.

Drive-In Saturday

Einen solchen werden die Chiefs auch im ersten Spiel der Divisional Playoffs (Samstag 22:35 Uhr) benötigen, wenn sie bei den New England Patriots um den Einzug ins Conference Final der AFC antreten müssen. Zwar hat New England vier seiner letzten sechs Spiele verloren und die Chiefs im Vergleich dazu gleich elf in Serie gewonnen. die schlechten Nachrichten aus Sicht der Chiefs haben ihren Ursprung aber in der Bye Week New Englands. Die Patriots werden etliche der Spieler zurück aufs Feld bekommen, die zuletzt verletzt waren, darunter vermutlich auch Wide Receiver Julian Edelman. Mit Edelman erzielen sie im Schnitt um zehn Punkte mehr als ohne ihn. Auch das dicke Knie von Tight End Rob Gronkowski wird ihn nicht vom Spielen abhalten, dazu werden auch noch O-Liner Sebastian Vollmer und Linebacker Dont'a Hightower zurückkehren. Die Favoritenrolle ist damit bei den Gastgebern, bei denen Quarterback Tom Brady seinen 21. und Coach Bill Belichick seinen 22. Sieg in der Post Season anstrebt. Kein Trainer in der NFL hat mehr Playoff-Spiele gewonnen als er.

Absolute Beginners

Im zweiten AFC Divisional (Sonntag 22:40 Uhr) gastieren die Pittsburgh Steelers bei der Nummer 1 der Conference, den Denver Broncos. Denver wird es mit dem wieder gesundeten Peyton Manning auf der Quarterback-Position versuchen. Brock Osweiler steht als Ersatzmann parat, sollte sich Manning weiterhin in der zuletzt gezeigten Form befinden. Verlass ist bei den Broncos in erster Linie sowieso mehr auf die Defense, die die beste gegen den Pass und die drittbeste gegen den Lauf ist. Ihre vier Spieler, die in die Pro Bowl gewählt wurden, sind allesamt von der dunklen Seite des Balls. Chris Harris Jr., Von Miller, Aqib Talib und DeMarcus Ware. Das sind die Stars Denvers 2016. Offensiv repräsentieren sie als #16 die Mitte der Liga.

Den Steelers wird ihr bester Receiver fehlen. Antonio Brown erlitt beim Wild Card-Spiel gegen Cincinnati eine Gehirnerschütterung, nachdem er von Vontaze Burfict ausgeknockt wurde. Der Hit kostete Burfict drei Spiele Sperre und, zusammen mit einer Unsportlichkeit von Adam Jones, den Bengals am Ende auch den Sieg in der Wild Card. Cincinnati führte, Pittsburgh sah nicht mehr danach aus als ob es selbst daran noch was zu ändern imstande war, also musste die Defense der Bengals für den verhassten Erzfeind einspringen. Die Steelers kamen unverhofft in Field Goal-Reichweite und machten dieses dann auch zum 18:16-Sieg.

Was die beiden Problemfälle in der Verteidigung dabei ablieferten, das war eine der dümmsten Aktionsabfolgen in der jüngsten Geschichte der Liga. Entweder sie wissen nicht welche Folgen ihre Handlungen haben, oder es interessiert sie einfach nicht. Ihre Geschichte spricht für Zweiteres, womit sie eine veritable Schwachstelle innerhalb einer Mannschaft darstellen. Dass Jones danach noch die Chuzpe hatte, Antonio Brown des Simulierens zu bezichtigen, wundert einen dann gar nicht mehr so. Noch hat Marvin Lewis seinen Job als Head Coach dort. Ein neuer Cheftrainer könnte weniger Lust verspüren sich mit infantiler Brutalität und Dummheiten von der Straße zu umgeben, die in finaler Ausprägung eben ein Weiterkommen erfolgreich verhindern. Es war das fünfte Mal in Folge, dass Cincinnati 1 & Done in den Playoffs geht. Auch ein Rekord.

All The Young Dudes

Es wird in der Partie auf Seiten Pittsburghs stark darauf ankommen, inwieweit Roethlisberger, der sich an der Schulter verletzte, in der Lage sein wird den Rest der Offense (beide Starting Runningbacks sind auch raus) in die Gänge zu bringen. Fitzpatrick Toussiant sah mit 118 Offensive Yards in der Wild Card so schlecht nicht aus, auch Jordan Todman konnte Akzente setzen. Mehr Arbeit wird auf Martavis Bryant und Markus Wheaton zukommen. Keiner der vier genannten Spieler ist über 25. Wie in der anderen Begegnung, liegt auch hier der Vorteil bei den Gastgebern.

Wild Is The Wind

Auch in der NFC setzten sich mit Seattle und Green Bay die Gastteams durch. Die Seahawks brauchten im Gefrierfach von Minneapolis aber viel Glück und einen einigermaßen skurrilen Spielverlauf, um am Ende mit einem blauen Auge davon zu kommen. Es brauchte gar einen schlechten Snap der Seahawks, um von ihnen mal einen Offense Spielzug zu sehen, der auch eine Wiederholung wert war. Zu Beginn des letzten Viertels schrieben die Gäste so bei einem 0:9-Rückstand zum ersten Mal an, als Russell Wilson seinen Receiver Doug Baldwin zwei Plays nach diesem Broken/Big-Play in der Endzone fand. Dann nahm das Unglück in Purple seinen Lauf. Adrian Peterson spuckte in der eignen Hälfte den Ball aus, was Seattle in Folge ein Fieldgoal zum 10:9 ermöglichte. 26 Sekunden vor Ende eines Spiels, welches stark von der Kälte (rund um -20 Grad) geprägt war, sah es dann doch noch nach einem Sieg für Minnesota aus. Kicker Blair Walsh setzte das Fieldgoal aus 27 Yards aber weit daneben und Seattle schraubte seine Playoff-Bilanz der letzten drei Saisonen auf 6-1.

Cat People

Im Divisional (Sonntag 19:05 Uhr) treffen sie nun auf einen Gegner, der ihnen von der Bauweise und Anlage gar nicht unähnlich ist. Die Carolina Panthers verfolgen ein ähnliches Konzept, sind ein Bau dessen Fundament am Draft steht und sie weisen auch Parallelen, was die Spielphilosophie und die Arbeit in einer Community in einem kleinen Markt angeht, auf. Cam Newton verteilt Bälle an Kinder, Russell Wilson besucht sie in Spitälern. Der 12. Mann ist bei den beiden gerne auch eine Frau, oder ein Kind und in jedem Fall der Mega-Bestandteil der ganzen Sache.

Was in Seattle die Legion of Boom ist, ist in Carolina die Front 7 mit ganz scharfen Krallen und dem feschen Motto: "Keep Pounding". Immer fest drauf, das mögen auch die Hawks. Das einzige Spiel, bei dem auch die Buchmacher keinen klaren Favoriten haben.

The Return Of The Thin White Duke

Konzentriert von Aufgabe zu Aufgabe und von Station zu Station gehen die Packers, denen ein frühes Ausscheiden von vielen schon gegen Washington prophezeit wurde. Ein Zug, aus dem ich dann kurz vor Kickoff noch ausstieg. Man kann an Green Bay doch nicht im Playoff vorbei, nur weil man sie zuvor elend oft schlecht redet. Es sind die Packers, eine Institution, Dauergast in den Playoffs und ihr Gegner ist der Gewinner der mit Abstand schwächsten Division in der NFC, der sich "Du magst das" auf seine T-Shirts druckt, den Imperativ aber dem Gegner überlässt: Ja, wir mögen es!

Nach einer 11:0-Führung der Redskins schien die Schlechtwetterprognose für Green Bay zu halten, die davor noch versprachen, im entscheidenen Moment sich daran zu erinnern, wer man eigentlich ist. Das passierte dann auch. Man kann sagen überraschend, aber so völlig aus dem Blauen heraus kam das Comeback dann wohl doch nicht. Die Mannschaft war vor ihrer Bye Week 6-0 und schlug in der Zeit zwei Teams, die jetzt noch im Playoff-Rennen sind (KC und SEA). Man hätte zumindest sagen können, dass so richtig schlechte oder nur mittelmäßige Mannschaften, solche Phasen eher selten haben. Oder übersah ich wo einen Winning Streak von mehr als 1 bei den Redskins, mit Ausnahme der

letzten vier Spiele gegen zwei bereits Eliminierte, so wie gegen Philadelphia und Buffalo? Nein, es ergibt alles am Ende also einen Sinn. Washington unterlag verdient mit 18:35, Green Bay fährt nach Arizona (Sonntag 2:15 Uhr).

Heroes, Just For One Day

Hier gibt es einen wirklich frischen Indikator. Nachdem die Packers an der Stelle vor drei Wochen mit 8:38 untergingen, ist die Schlussfolgerung ja klar: Sie sind Washington noch davon gekommen, ein heroischer Einzelfall sozusagen, aber jetzt endet die Reise brutal. Das sagen auch die Quoten. Dass Arizona eine Woche danach von einem Team die Federn gerupft wurden, welches Green Bay schon mal schlug, blendet man bei der Beurteilung besser aus, weil sonst zögert man gar noch beim Abgeben des Tippscheins. Eine Zahl sollte man dann auch noch lieber nicht wissen: Null. Das ist die Anzahl der gewonnen Playoff-Spiele von Carson Palmer in 13 Saisonen.

A New Career In A New Town

Das Trainerkarussell begann sich diese Woche zu drehen. Neben zwei In-House-Lösungen bei den Bucs (OC Dirk Koetter folgt Lovie Smith, der "aus Gründen" gefeuert wurde) und Giants (OC Ben McAddo folgt Tom Coughlin, den man pensionieren wollte, sich nun aber renitent zeigt), gab es einen sehr amüsanten Wechsel: Chip Kelly, der nach Woche 17 doch recht unsanft in Philadelphia rausflog, ist Head Coach Nummer 20 in der Geschichte der San Francisco 49ers. Das ist insofern interessant, da Kelly bei den Eagles vor allem an seinem kompliziert verschnürten Kompetenzrucksack bei Personalentscheidungen u.a. im zwischenmenschlichen Bereich gescheitert ist. Schaut man sich die jüngste Geschichte der Niners an, ich meine die kurz vor Jim Tomsula, dann darf man sich schon die Frage stellen, wie der Besitzer Jed York denn auf die Idee kam, dass gerade ein Typ wie Kelly seinem Team in der aktuellen Situation eine Hilfe sein kann. Laut Auskunft aller Beteiligten hat Kelly keinerlei Kontrolle über das Personal, aber das hatte er zu Beginn in Philadelphia auch nicht. Neben vereinzelten Jubelrufen mischen sich bei den Fans der 49ers dadurch auch viele skeptische Stimmen. Kellys Nachfolger in Philadelphia wird übrigens Doug Pederson. Der ehemalige Starting Quarterback der Eagles ist derzeit aber noch als OC der Kansas City Chiefs im Playoff-Rennen.

Einen richtig guten Griff dürften die Cleveland Browns gemacht haben, denen man ja im Normalfall selten ein glückliches Händchen unterstellt. Dass sie es geschafft haben den Cincinnati Offensive Coordinator Hue Jackson als neuen Head Coach zu angeln, der bei mehreren Teams im Gespräch stand, ist sicher eine positive Überraschung. Ebenso ein Lächeln dürfen die Fans der Miami Dolphins im Gesicht tragen. Bears OC Adam Gase, dem ein guter Ruf voraus eilt, wird nicht nur ihr neuer Head Coach, er bekam auch die Kontrolle über den Roster und einen Fünfjahresvertrag. Das ist womöglich das, was Miami schon lange Zeit braucht: Zeit, Kompetenz und Verantwortungsträger.

Golden Years

Rams Besitzer Stan Kroenke hat genug gesehen in St. Louis, steckt einen Teil seines Vermögens in ein Stadionprojekt und bekam das Go von den anderen Besitzern, seine Franchise im kommenden Jahr wieder zurück nach Los Angeles zu übersiedeln. Dort war sie schon von 1946 bis 1995 beheimatet und hatte auch einige goldene Jahre, die sie in Missouri nie wieder erleben sollte. Die verstimmten Worthülsen des Bürgermeisters in St. Louis (hätten-täten-würden-wollten) helfen da jetzt nicht mehr, denn in Inglewood wird 2019 ein Komplex um dann 1,8 Milliarden Dollar stehen. Damit sollte sich auch der ein oder andere Radständer ausgehen. Eventuell werden die Chargers den Rams dorthin folgen, oder ebenfalls ein neues Stadion (in San Diego) bauen. Sie haben ein Jahr Zeit bekommen, das zu evaluieren und zu entscheiden. Die Liga hat in jedem Fall einen Zuschuss von 100 Millionen gewährt, was auch für Oakland gilt, sollten sie dort bleiben. Die Raiders dürfen nämlich als einziges Team, welches das auch wollte, definitiv nicht nach L.A. ziehen. Jetzt, wo Los Angeles als Druckmittel gegen die eigene Stadt von der Bildfläche verschwand (es gab jahrelang kein Team dort, nur um anderen Städten Investitionen zu entlocken – die NFL ist ja nicht blöd), muss eine neue Option her. Die Raiders drohen nun nach San Antonio zu gehen. Wenn auch die zweitgrößte Stadt von Texas, ist der Eindruck den S.A. schindet doch deutlich kleiner als der von L.A. Die Raiders müssen aufpassen, dass sie sich hier nicht komplett verzetteln, ist ihr aktuelles Management nicht gerade als besonders smart verschrien.

TVC 15

Alle NFL-Playoffs sind im Free TV bei Puls 4 bzw. auch Pro7maxx/sat1 zu sehen. Wer die US-Kommentatoren hören will, muss zum Gamepass der NFL greifen. Puls 4 überträgt die Divisional Playoffs mit Publikum aus seiner Sportsbar. Die Studiorunden werden abwechselnd von Christian Nehiba und Phillip Hajszan moderiert, als Experten werden Swarco Raiders Head Coach Shuan Fatah und der ehemalige Nationalteamspieler und Halftime Reporter Pasha Asiladab fungieren. Ab den Conference Finals wird der "Puls 4 Dome" im Studio stehen, der rund 300 Zuschauern auf zwei Rängen Platz bietet. Alle Playoff-Spiele und die Super Bowl 50 werden Michael Eschlböck und ich kommentieren. (Walter Reiterer, 16.1.2016)

New England Patriots vs. Kansas City Chiefs
Samstag 22:15 Uhr (Kickoff 22:35 Uhr)
Arizona Cardinals vs. Green Bay Packers
Nacht Samstag Sonntag 01:45 Uhr (Kickoff 2:15 Uhr )
Carolina Panthers vs. Seattle Seahawks
Sonntag 18:50 Uhr (Kickoff 19:05 Uhr)
Denver Broncos vs. Pittsburgh Steelers
Sonntag 22:15 Uhr (Kickoff 22:40 Uhr)

Schöne Spiele!

Ihr Walter Reiterer

  • Let's Dance. Von Miller führt Ben Roethlisberger auf den Dancefloor der Mile High Disco.
    foto: eric lars bakke/denver broncos

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