Eine brasilianische Biografie

16. Jänner 2016, 10:10
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Lucas Venuto könnte für die Austria ein Glücksgriff sein. Der 21-Jährige hat schon als Bub begonnen, seinen Traum vom Profifußball zu leben

Wien – Peter Schöttel sagt: "Es war eine Freude, mit ihm arbeiten zu dürfen." Für den Trainer von Grödig war es ein kurzes Vergnügen, es hat 20 Spiele und sieben Tore lang gedauert. "Lucas Venuto war nicht zu halten, das war mir klar. Ich wünsche ihm alles Gute, gratuliere der Austria." Der SV Grödig zählt eben nicht zu den Lebenszielen oder Sehnsuchtsadressen eines brasilianischen Fußballers, das gilt übrigens auch für spanische, japanische, englische und mitunter sogar österreichische Kicker. Schöttel findet das nur bedingt komisch, "aber es stimmt. Bist du in Grödig, willst du zu Rapid oder zur Austria. Bist du dann bei Rapid oder der Austria, willst du ins Ausland. So ist der Lauf der Dinge. Für mich ist es spannend, Fußballer zu entwickeln."

Der 21-jährige Venuto ist also Austrianer. Und soll es bis Juni 2019 bleiben. Es sei denn, irgendein potenter Klub klopft davor an und kauft ihn aus dem Vertrag. Die wesentlichste Voraussetzung dafür wäre, dass der 1,64 Meter große, 60 Kilo schwere Offensivspieler auffällt, sich durchsetzt. Schöttel: "Es gibt keine Garantie, es spricht aber nichts dagegen. Er ist ein Beißer, ihm geht es um die Mannschaft. Er war mein bester, torgefährlichster Mann, der jeden Tag daran gearbeitet hat, besser zu werden. Er erfüllt eigentlich nicht alle brasilianischen Klischees."

Aber einige. Lucas Henrique Ferreira Venuto sitzt am Tag vor der Abreise ins Trainingslager nach Belek im Pub Viola, das ist die Kantine in der Osttribüne der Generali Arena. Seine neuen Kollegen hat er kennengelernt, er wurde selbstverständlich herzlich aufgenommen. Die Wiener Innenstadt hat er sich noch nicht angeschaut, keine Zeit, er wird das nachholen. "Sie soll toll sein."

Venuto stammt aus Governador Valadares, die Stadt hat rund 250.000 Einwohner, liegt mitten in Brasilien, Belo Horizonte ist rund 300 Kilometer entfernt. "Nette, hilfsbereite Menschen leben dort. Und arme." Er selbst ist in einem kleinen Häuschen aufgewachsen, der Papa schob auf Baustellen Überstunden, "damit es uns gutgeht". Ihm, der Mama, den zwei jüngeren Brüdern, die für den Fußball bedingt tauglich sind.

Lucas hingegen hatte Talent und einen Traum, "den praktisch alle brasilianischen Buben haben. Ich wollte Profifußballer werden. Und natürlich war Europa das Ziel, es gilt als Schlaraffenland." In der heimischen Liga setzt man eher auf Routiniers. "Das hat zur Folge, dass immer Jüngere die Heimat verlassen. Ich weiß nicht, ob diese Entwicklung gut ist."

Aufnahmetest bestanden

Venuto beschwert sich nicht. "Ich habe es so gewollt. Willst du deinen Traum realisieren, musst du Schwierigkeiten überwinden." Als Zwölfjähriger übersiedelte er nach Belo Horizonte in den Nachwuchs von Cruzeiros, später wurden dann Scouts der Red-Bull-Akademie Brasil auf ihn aufmerksam, er bestand den Aufnahmetest "Damals hörte ich das erste Mal von Österreich." 2013 wurde er nach Leipzig in die U19 geschickt, die weitere Reise führte über Liefering nach Grödig, das war dann nur ein Katzensprung. Venuto: "Die Umstellung war nicht einfach, die Kälte, die Mentalität, die schwierige Sprache. Alles war neu, du bist einsam." Ganz alleine ist er nicht gewesen, sein Landsmann Felipe Pires machte die nahezu identische Karriere. Jetzt kickt der allerdings in der zweiten deutschen Liga für FSV Frankfurt. "Im Leben trennen sich Wege."

Ein Klischee, das Venuto lebt, ist die Religiosität. "Ich glaube wie viele Brasilianer fest an Gott. Er hilft mir und beschützt mich. Ihm habe ich das zu verdanken." Und seinem Onkel, der sich im Fußball auskennt und den Neffen stets gefördert hat. "Für andere Brasilianer mag Neymar das Vorbild sein, für mich ist es mein Onkel."

Schöttel nennt Venutos Vorzüge: "Schnell, wendig, er kann das Spiel lesen." Venuto sagt: "In der Defensive muss ich mich verbessern." Der europäische Kick lege mehr Wert auf Taktik, Tempo, Disziplin, Kraft. "In Brasilien ist der Ball auf dem Boden. Auch diese Umstellung war nicht einfach." Austrias Trainer Thorsten Fink hat jedenfalls seinen Wunschspieler bekommen. "Wir sind von ihm absolut überzeugt." Denkt Venuto an Brasilien, "denke ich an meine Familie. Sie fehlt mir." Der Papa wird bald nach Wien kommen, eine Zeitlang bleiben. "Er muss jetzt keine Überstunden mehr schieben." Venuto debütierte am Freitag in Belek, der Test gegen Werder Bremen endete 2:2. Am 6. Februar gastiert die Austria ausgerechnet in Grödig. Sollte Venuto ein Tor erzielen, "werde ich nicht jubeln. Ich trage Grödig im Herzen." Schöttel sagt: "Ein schöner Satz. Man hört ihn halt selten." (Christian Hackl, 16.1.2016)

  • Lucas Venuto, im Bild noch im Grödig-Dress, freut sich auf "die Herausforderung Austria".
    foto: apa/punz

    Lucas Venuto, im Bild noch im Grödig-Dress, freut sich auf "die Herausforderung Austria".

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