"Das ist eine Katastrophe für diese Kinder"

16. Jänner 2016, 12:00
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SOS-Kinderdorf-Chefin in Graz kritisiert "Verwahrung" minderjähriger Flüchtlinge. Betreuungsschlüssel schlechter als in anderen Ländern

Graz – In der Steiermark leben derzeit rund 780 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF), also Kinder und Jugendliche, die jünger als 18 sind und allein nach Österreich kamen. Etwa 500 davon werden vom Land Steiermark untergebracht, der Rest vom Bund. Im Dezember wurde im Nationalrat die Erhöhung des Tagsatzes für die Betreuung dieser jungen Menschen von 77 auf 95 Euro beschlossen. Doch davon haben jene, die in der Steiermark gelandet sind, nichts.

Denn die Erhöhung gibt es für UMF in kleineren Einheiten von bis zu zehn Jugendlichen mit einem Betreuer. Also bei einem Betreuungsschlüssel von 1:15. So kleine Gruppen gibt es für UMF in der Steiermark nicht. Hier werden Jugendliche, die ihre Familien verloren haben und teils schwer traumatisiert sind, in größeren und sehr großen Quartieren untergebracht. Auf einen Betreuer kommen mindestens 15 Kinder.

Verletzung der Kinderrechte

Genau das sorgt für scharfe Kritik bei Expertinnen. Eine davon ist die Geschäftsführerin von SOS- Kinderdorf Steiermark, Susanne Maurer. Dass sogar über 100 Kinder und Jugendliche in der Steiermark in Baumarkthallen untergebracht waren, hält sie für "schlichtweg verfassungswidrig, Kinderrechte sind Teil unserer Verfassung, und sie werden in mehreren Punkten verletzt". Kinder hätten ein Recht auf Chancen und Schutz, was in Massenquartieren unmöglich sei.

"Das ist eine Katastrophe für diese Kinder", so Maurer im Gespräch mit dem Standard, "und das wäre es auch, wenn sie 100 Grazer Bürgerskinder aus bestem Haus in einen Baumarkt sperren". Wenn für 15 Kinder ein Betreuer zuständig sei, gehe es "nur mehr um Aufsicht, um Verwahrung, aber wie soll man da eine Beziehung zu den Kindern aufbauen?", fragt Maurer. So werde erfolgreiche Integration verhindert. "Die Kinder brauchen die Möglichkeit, Deutsch zu lernen und später einen Beruf", so Maurer, "sonst schafft man Sozialhilfefälle. Sparen ist das nicht."

"Würde neue WGs öffnen"

Das SOS-Kinderdorf hat österreichweit seit April 155 neue Plätze für Kinder und Jugendliche, die auf der Flucht waren, geschaffen. Diese werden auch mit Spendengeldern kofinanziert, um einen kindgerechten Standard zu gewährleisten. Dazu zähle auch ein Wechseldienst von fünf Betreuern auf maximal 15 Kinder. Laut Maurer würde man jederzeit neue Wohngemeinschaften für UMF in der Steiermark öffnen, wenn es das Land wünsche. Die zuständige Landesrätin Doris Kampus (SPÖ) bestätigte erst vor einigen Tagen, dass sie den Betreuungsschlüssel 1:15 für in Ordnung hält. Anders sehen das KPÖ und Grüne. Beide fordern kleinere Betreuungseinheiten. (Colette M. Schmidt, 16.1.2016)

  • Susanne Maurer, Geschäftsführerin SOS-Kinderdorf Steiermark.
    foto: werner gstrein / sos-kinderdorf

    Susanne Maurer, Geschäftsführerin SOS-Kinderdorf Steiermark.

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