Schengen und Flüchtlinge: Juncker schlägt Alarm

Kommentar15. Jänner 2016, 17:53
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Die EU zerfleischt sich wegen 1,5 Millionen Flüchtlingen

Zu den Talenten Jean-Claude Junckers gehört es, sehr komplexe politische Probleme mit einfachen Worten, Vergleichen und Sprachbildern verständlich zu machen. Auch für Normalbürger. Dazu kommt immer dieser ganz besondere Wortwitz des EU-Kommissionschefs, die Ironie – in Wien würde man sagen: der Schmäh – eines Menschen, der vier Sprachen beherrscht. Bei seinem jüngsten Auftritt war es in einem entscheidenden Punkt anders.

Juncker lächelte nicht, war nie witzig. Er wirkte sehr ernst, der Probleme müde. Er beschrieb etwa, wie er vor ein paar Tagen der jordanischen Königin Rania erklären sollte, warum wir Europäer die Flüchtlingskrise nicht bewältigen können, auf dem reichsten Kontinent der Welt. "Da errötet man nicht nur", murmelte er. Man schäme sich, wollte er sagen. Würden die EU-Staaten im Verhältnis so viele Flüchtlinge aufnehmen wie das kleine (und arme) Jordanien, wären das 100 Millionen Menschen!

Aber die EU zerfleischt sich wegen 1,5 Millionen Flüchtlingen. Was das heißt, sah man dem Präsidenten förmlich an. Er warnte so explizit wie nie zuvor davor, dass dem Ende der offenen Grenzen das Aus von Euro und Binnenmarkt folgen würde. Es scheint, als sei sich sogar Juncker, der ewige Optimist und jahrzehntelange Kämpfer für Aussöhnung und Integration, tief im Inneren nicht ganz sicher, ob das Lebenswerk seiner Generation hält. Oder ob die EU an nationalem Egoismus und Missgunst wieder zerbricht. (Thomas Mayer, 15.1.2016)

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