"Rom. Eine Stadt im Film": Vom Zentrum an die Ränder und zurück

16. Jänner 2016, 09:00
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Das Filmmuseum zeigt mit seiner Retrospektive eine Bestandsaufnahme des italienischen Kinos der Nachkriegsjahre

Wien – Städte auf Leinwänden sind mehr als nur Kulisse. Als Inszenierungen dessen, was wir als Stadt kennen und erfahren, können sie die soziale Wirklichkeit außerhalb des Kinos zur Anschauung bringen. Rom, als eine der emblematischen Städte Europas, war im italienischen Kino immer schon ein in diesem Sinne aufgeladener Ort. In welcher Weise der italienische Film die Stadt als Ort in Szene gesetzt hat, in dem sich Gesellschaftliches konzentriert, lässt sich anhand der Retrospektive Rom. Eine Stadt im Film, 1945–1980 en detail nachvollziehen.

Das Programm ist begrenzt auf die Zeit, die als das goldene Zeitalter des italienischen Kinos gilt. In diesen Jahren, schreiben die Kuratoren, seien die "soziale Realität und die Öffentlichkeit des Mainstreamkinos noch innig aufeinander bezogen" gewesen.

Der älteste gezeigte Film ist Roberto Rossellinis Rom, offene Stadt (1945), der den Neorealismus und damit jene Strömung ankündigt, in der sich einige der filmästhetisch prägendsten Stadtinszenierungen finden. Rossellini zeigt eine bedrückende Szenerie, es herrscht Ausgangssperre, der Widerstand wird in den letzten Kriegsjahren von der deutschen Besatzermacht zerrieben. In der letzten, wunderschönen Einstellung gehen Kinder, die gerade die Erschießung eines Freundes mitansehen mussten, eine Anhöhe hinunter, zurück in die Stadt, die unter ihnen liegt und mit einem Mal in einer unbestimmten Weise neu wirkt. Das Leben hält wieder Einzug, der Film schließt mit einem vagen Bild der Hoffnung.

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An Rom, offene Stadt zeigt sich, dass auch in den vorgeblich ungeschmückten Bildern des Neorealismus die Stadt nicht nur vorgefundene Kulisse bleibt. "Die Städte des italienischen Kinos stellen niemals Abbilder empirischer Städte dar", schreibt Daniel Illger in Heim-Suchungen, einer Studie über die Stadt im italienischen Nachkriegskino. In diesem Sinne kann man das Programm der Retrospektive auch als filmischen Nachvollzug von Ideen- und Sozialgeschichte verstehen.

Kleinbürger und Jetset

Zu sehen sind einige rare Arbeiten, aber auch zahlreiche Klassiker, die im Verbund mit anderen Rom-Filmen nicht mehr als singuläre Meisterwerke gesehen werden müssen, sondern in ihrem film- und kulturhistorischen Kontext erschlossen werden können, etwa Umberto D. von Vittorio De Sica, Michelangelo Antonionis L’Eclisse und Luchino Viscontis Bellissima.

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In der Zusammenstellung entstehen dadurch interessante Kombinationen: La dolce vita, Federico Fellinis knapp dreistündige Satire auf den römischen Jetset der 1950er-Jahre, trifft auf die zeitgleich entstandenen Bilder von den Rändern Roms aus Pier Paolo Pasolinis Accatone und Mamma Roma. Alle drei berichten von einem urbanen Leben in verschiedenen, einander rigoros ausschließenden Gebieten der Stadt – bei Pasolini in kargen Bildern, bei Fellini in einem selbstironischen Oberflächenrausch, hinter dem die Leere droht. Der eine zeigt, wie es in den unteren Bereichen des sozialen Raums zugeht, der andere erzählt von Problemen, die andere gerne hätten.

Aber auch Arbeiten, die außerhalb Italiens heute weniger geläufig sind, haben ihren Platz, etwa Mario Monicellis 1977 entstan dene Tragikomödie Un borghese piccolo piccolo, die durch einen eindrucksvollen Genrewechsel besticht: Die Geschichte um einen grotesk rückgratlosen Kleinbürger beginnt als klassisch anmutende Commedia all’italiana und kippt mitten im Film in ein garstig-fatalistisches Drama.

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Interessant gewesen wäre jedoch der Versuch, die Retrospektive mit aktuellen Rom-Inszenierungen, etwa Paolo Sorrentinos La Grande Bellezza, kurzzuschließen. Dann hätte sich überprüfen lassen, ob und in welcher Weise dem Entwurf der Stadt im aktuellen Kinogeschehen eine plausible Wahrnehmung davon inhärent ist, was es heute bedeutet, in ihr zu leben. (Benjamin Moldenhauer, 16.1.2016)

  • Ursula Andress betritt die Ewige Stadt, um für eine Science-Fiction-Show in "Das zehnte Opfer" Marcello Mastroianni zu erledigen.
    foto: filmmuseum

    Ursula Andress betritt die Ewige Stadt, um für eine Science-Fiction-Show in "Das zehnte Opfer" Marcello Mastroianni zu erledigen.

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