Präsidentenhoroskop: Was ist der stärkste Charakterzug?

15. Jänner 2016, 17:27
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Auf den Gleisen der diversen Charakterzüge wandelte das Magazin nach den Maximen der Sterndeuterei

Noch steht nicht fest, ob der Wiener Baumeister als Kandidat für die Wahl des Bundespräsidenten antritt, noch hat Strache nicht entschieden, ob ihm ein so mickrig ausgestattetes Amt einen Wahlkampf wert ist, und schon beginnt das mediale Rätselraten, welche Qualifikation ein Staatsoberhaupt aufweisen sollte – ganz so, als wäre in der Zweiten Republik eine solche Position noch nie zu besetzen gewesen – und über welche Qualifikationen jene Kandidaten verfügen, die bereits genannt haben – ganz so, als könnte das letztlich entscheidend sein und nicht auch der finanzielle Einsatz eine Rolle spielen.

Was ist der stärkste Charakterzug von Rudolf Hundstorfer, Alexander Van der Bellen und Irmgard Griss?, fragte "News". Die Feststellung des Charakterzuges von Andreas Khol war aus zeitlichen Gründen noch nicht möglich, was das Magazin nicht daran hinderte zu verkünden: Jetzt geht 's lo-o-s! Auf den Gleisen der diversen Charakterzüge wandelte das Magazin nach den Maximen der Sterndeuterei: Das Positive musste gegen Schattenseiten stets fein abgewogen werden. So ist Irmgard Griss eine Frau ohne Tand und Schnörkel. Sie spricht klar, sie meint, was sie sagt, was hierzulande keine Selbstverständlichkeit ist. Man kann sich kaum vorstellen, die ehemalige Höchstrichterin beim Lügen zu erwischen, noch schlimmer: Sogar eine Notlüge scheint ihr schwer über die Lippen zu kommen.

Ob das nur so scheint oder auch so ist, blieb offen, womit ein Erfolg in den Sternen steht. Diese nüchterne Art kommt bei dem Publikum, das sich von der Politik, "dem System", längst abgewandt hat, gut an. Diese Art macht die Juristin allerdings auch unscheinbar. Man kann in Österreich nicht alles haben – wo einem nicht einmal eine Notlüge zugetraut wird, bleibt man zur Unscheinbarkeit verurteilt. Daher schlau: Bevor sie auf heikle Fragen antwortet, sagt sie lieber gar nichts. Dass sie nach Jahrzehnten in einem der höchsten Beamtenränge nichts von Politik verstehen will, macht misstrauisch. Noch misstrauischer allerdings, dass sie sich dennoch um das höchste politische Amt bemüht.

Auch Alexander Van der Bellen muss sich vor den Gestirnen hüten, die sein Schicksal lenken. Er antwortet prinzipiell nicht – sofort. Der Wirtschaftsprofessor gönnt sich stets eine kleine Nachdenkpause, und dann vielleicht noch eine. Für einen Bundespräsidenten die ideale Qualifikation, er muss die Ereignisse nicht im Minutentakt kommentieren. Für einen Kandidaten weniger, er kann mit dieser Eigenschaft in der Hitze des Wahlkampfgefechtes schon einmal den richtigen Moment verpassen. Daher die Frage: Braucht Alexander Van der Bellen im Wahlkampf mehr Schall zum Rauch?

Bei der Unfähigkeit zur Lüge ertappt zu werden kann also wegen damit verbundener Unscheinbarkeit ebenso leicht den Weg ins höchste Amt versperren wie zu langes Nachdenken. Die Bewerbung um dieses Amt fordert den Kandidatinnen und Kandidaten alles ab. Nicht einmal Rudolf Hundstorfer kann dem Zwiespalt seines Schicksals entrinnen. Er ist die Inkarnation des Sozialpartners, was heißt: des Österreichers. Damit sollte er die Wahl eigentlich schon gewonnen haben, aber weit gefehlt. Wenn es irgendwo einen vernünftigen Kompromiss gibt, Rudolf Hundstorfer wird ihn finden. Von allen bisher bekannten Kandidaten polarisiert der Sozialminister am wenigsten. Eine Hofburg der himmlischen Harmonie wird da vor die Augen der Leserinnen und Leser gezaubert. Aber dann – auch wieder nix. Dass er nicht polarisiert, kann ihm im Wettbewerb mit den anderen Kandidaten, die mehr Ecken, Kanten und Schrullen haben, zum Nachteil gereichen. In Österreich will man einen kompromissbereiten Bundespräsidenten, die Logik des Wahlkampfes aber verlangt nach einer scharf gezeichneten Persönlichkeit.

Soll einer die Österreicher, wie "News" ihr Bild zeichnet, verstehen. Die Verfassung sieht das noch nicht vor, aber vielleicht sollte künftig jede Partei zwei Kandidaten ins Rennen schicken – einen, der ohne lang nachzudenken und wenn es sein muss auch mit der einen oder anderen Notlüge einen Wahlkampf mit Kanten und Schrullen führt und der, wenn er sich gegen ähnlich engagierte Mitbewerber durchgesetzt hat, das Amt seinem Kompagnon überlässt, damit der dann sechs Jahre lang die Hofburg in edler Unscheinbarkeit als kompromissbereite Inkarnation des Österreichers bewohnt. Politische Schizophrenie ist medial induziert, aber in ein paar Monaten klingt sie wieder ab. (Günter Traxler, 15.1.2016)

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