Spitzensport: Erfolg ist eine Droge

16. Jänner 2016, 14:00
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Erfolg ist die Sucht der Spitzensportler. Ein Besuch in Stams, der Kaderschmiede österreichischer Wintersportler

Sie sind jung und athletisch, sie tragen Kapuzenpullis und lockere Trainingshosen, sie haben Pickel auf der Nase und große Vorhaben, sie sagen Sätze wie "Natürlich sind wir gedrillt, aber auch einfach geil aufs Duell. Manche brechen da halt weg. So ist das Leben." Fünf angehende Maturanten an einem Tisch der Schulbibliothek, nicht irgendeiner, der "von Stams".

Bald werden sie Absolventen jener Kaderschmiede sein, die Sportgrößen wie Benjamin Raich, Stephan Eberharter, Marlies Schild, Nicole Hosp oder Gregor Schlierenzauer hervorgebracht hat. Wer in diesem Oberstufengymnasium in Tirol die Schulbank drückt, will nicht Klassen-, sondern Weltbester sein.

Erfolgreich im Kopf

Claudia Astl, langes brünettes Haar, drahtige Figur, weiche Stimme, ist eine ehemalige "Stamserin". Heute arbeitet die 47-Jährige als Heilmasseurin in Innsbruck. Verletzungsbedingt. Schwerer Sturz im letzten Schuljahr. "Da ist der Traum vom Spitzensport von einem Moment zum nächsten geplatzt", erzählt sie. "Also habe ich mir sofort ein neues Ziel gesucht."

In Sportlerkreisen ist Astl heute vor allem für eines bekannt: Wer Schmerzen hat und dringend einen Termin braucht, bekommt ihn. Nur dann eben vielleicht um 4 Uhr morgens, am Feiertag oder Sonntagabend kurz vor Mitternacht. "Man kann schon sagen, dass ich den Fanatismus von damals nie abgelegt habe", sagt Astl.

Körperliche Leistungsfähigkeit und die eigene Geisteshaltung sind untrennbar, das weiß auch Bastian Kaltenböck, 32 Jahre, elf Siege im Skisprung-Kontinentalcup, eine Saison Nationalmannschaft, einige Jahre im Weltcup. Er ist ein ehemaliger Teamkollege von Schlierenzauer. "Ich war dabei, aber ich habe es letztlich nicht ganz geschafft", sagt er heute. "Wie auch der Gregor bin ich extrem fokussiert und kopfgesteuert. Die Sache mit der Psyche ist schwer zu erklären. Die mentale Verfassung ist aber sicherlich ein entscheidender Faktor für Erfolg."

Luft wird dünner

Kaltenböck machte an sich selbst eine interessante Beobachtung: Als es in einer Saison nicht so gut lief, begann er nebenbei Betriebswirtschaft zu studieren, "je besser ich im Studium vorankam, desto besser war ich im Skispringen, obwohl ich weniger trainierte". Der Studienabschluss bedeutete für ihn dann gleichzeitig das sportliche Karriereaus. Denn ohne alternative Beschäftigung sei er plötzlich wieder da gewesen, dieser unerträgliche Druck, Bester sein zu wollen.

Der "Rucksack", den er mit sich herumschleppe, sei ihm zu schwer geworden, begründete Gregor Schlierenzauer seine Auszeit vom Spitzensport vor eineinhalb Wochen. Auch ein Karriereende schließt er nicht aus. Für Außenstehende mag das im ersten Moment seltsam klingen. Denn: Wie schwer kann die Last des in seiner Sparte erfolgreichsten Sportlers aller Zeiten sein?

Schlierenzauer ist 26 Jahre alt, Rekordweltcupsieger, sechsfacher Weltmeister, 2010 holte er in der Mannschaft olympisches Gold in Vancouver. Zuletzt wurde die Luft allerdings dünner. Schon vergangenen Winter war er weniger dominant als früher, heuer wurde Schlierenzauer nach schwachen Auftritten nicht für das finale Springen der Vierschanzentournee nominiert. Ein 14. Platz in Lillehammer ist die beste Saisonplatzierung des Tirolers.

"Gregor hatte immer die höchsten Ansprüche. Der hat gewusst, wenn er halbwegs gut springt, gewinnt er", sagt Exkollege Kaltenböck. "Wenn es dann plötzlich nicht mehr klappt, er noch härter an sich arbeitet, aber einfach nicht mehr vorn dabei ist, ja, dann ist das ein schwerer Rucksack. An Körper und Können scheitert es bei Gregor aber sicherlich nicht."

Geist beeinflusst Motorik

Die Sportwissenschaft befasst sich seit geraumer Zeit mit dem Zusammenspiel von Muskeln und Mindset. "Wir können inzwischen ganz klar sagen, dass durch kognitive Anspannungen motorische Abläufe verändert werden", sagt Martin Kopp, Sportpsychologe an der Universität Innsbruck. Eine Hundertstelsekunde später loszuspringen, weil man kurz zögert, kann zwischen Sieg und Niederlage entscheiden. "Es scheint die optimale Anspannung für Wettkampferfolg zu geben."

Am Skigymnasium in Stams ist Angespanntheit der Alltag. Der Betonbau in der kleinen Gemeinde im Tiroler Oberland verspricht Kindheit am Limit. Frühstück, Training, Mittagessen, Schule, Konditionsarbeit, Hausaufgaben, schlafen. Direktor Arno Staudacher, raspelkurze graue Haare, spitze Nase, ein ehemaliger ÖSV-Trainer, sagt Sätze wie: "Leidenschaft setzt sich aus den Wörtern 'leiden' und 'schaffen' zusammen." Er ist da ganz pragmatisch: "Natürlich will jeder, der hier zur Schule geht, Olympiasieger werden. Erreichen wird dieses Ziel schlussendlich fast keiner."

Kopp formuliert es noch drastischer: "Im Spitzensport gibt es fast nur Verlierer", sagt der Psychologe. Da muss man sich die Frage stellen: Was treibt diese jungen Menschen dann an?

Die Droge Erfolg

Wer die Eingangshalle der Eliteschule Stams betritt, geht auf eine gigantische Plastiktafel zu. "Wall of fame" steht in Großbuchstaben darauf. Darunter finden sich die Namen derer, die es geschafft haben, gruppiert nach Edelmetallen: Gold, Silber, Bronze. "Man muss dafür sterben können, in die Weltklasse aufzusteigen", erklärt ein 18-jähriger Schüler. Wie die meisten hier fährt er in der Wettkampfzeit vier bis fünf Rennen die Woche, teilweise im Ausland. Klar würde er manchmal auch gewinnen, erzählt er.

"Erfolg ist einerseits Belohnung, andererseits Antrieb", sagt Kopp. Nach einem Triumph wolle man sich weiterentwickeln und verbessern. Vor allem aber wohl: Man möchte ihn wiedererleben. Anerkennung macht süchtig.

"Es gibt Menschen, die Erfolg wie eine Droge benutzen", sagt der deutsche Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Frankfurt. "Das Streben nach Anerkennung ist nicht grundsätzlich pathologisch, doch in unserer stark leistungsorientierten Gesellschaft kommt es nicht selten vor, dass dieses Hochgefühl zur Sucht wird." Das bestätigt auch Kaltenböck: "Selbst nach meiner Skisprungzeit habe ich alles mit 150 Prozent gemacht."

Überhaupt ist diese Rastlosigkeit kein Phänomen, das ausschließlich im Spitzensport zu beobachten ist. "Topathleten ticken da nicht anders als andere Menschen", ist Kopp überzeugt. Es differiere bloß die Erwartungshaltung: "Jeder orientiert sich eben an seinen persönlichen Möglichkeiten." Manche treiben den eigenen Körper an die Leistungsgrenze, andere machen Überstunden, hungern sich die Kilos vom Leib oder lassen sich operieren, um einem vermeintlichen Schönheitsideal zu entsprechen. "Der Wunsch, alles zu optimieren, ist in den vergangenen zehn bis zwanzig Jahren deutlich stärker geworden, und dadurch auch der Erfolgsdruck", sagt Wirth.

Mut zum Ausstieg

Im Spitzensport kommt allerdings hinzu: Der eigene Anspruch pendelt sich schnell auf einem sehr hohen Niveau ein. Topathleten müssen lange Phasen an Stress bewältigen, Druck kommt auch von Funktionären und Medien, sie investieren wesentlich mehr als der klassische Berufstätige, wobei ständig die Gefahr einer massiven Verletzung droht – wie aktuell der schwere Sturz des jungen Skispringers Lukas Müller wieder vor Augen geführt hat. Und nicht zuletzt: Profisportler sind erfolgsverwöhnt. "Läuft etwas nicht nach Plan, ist das oft schwer zu verkraften, und bleibt der Erfolg aus, fallen viele in ein tiefes Loch, wenn sie nicht optimal betreut werden und ein zweites Standbein haben", sagt Kopp.

Gregor Schlierenzauer ist passionierter Fotograf. Für 2016 ist wieder eine Ausstellung geplant. Er will sich – wahrscheinlich zum ersten Mal in seinem Leben – Zeit für etwas anderes nehmen als das Skispringen. Seinen Fixplatz in den Annalen der Sportgeschichte hat er sich spätestens im Jahr 2013 gesichert, als er mit erst 23 Jahren den Finnen Matti Nykänen bei der Anzahl der Weltcupsiege – damals war es sein 47. – übertrumpfte.

"Ich rechne fest damit, dass er diese Bestmarke weiter ausbauen wird", attestierte ihm damals Sven Hannawald. "Da wird nie wieder ein Skispringer hinkommen." Danach gewann Schlierenzauer noch weitere sechs Weltcupbewerbe.

Dem Direktor von Stams glitzern die Augen, wenn er von seinem ehemaligen Schüler spricht: "Beim Schlieri hat man, schon als er ein Teenager war, gewusst, dass da ein Kapazunder auf dem Weg ist", sagt Staudacher. Er glaubt, jeder große Sportler müsse zumindest einmal im Leben durch eine Talsohle. "Aber es gehört bestimmt gleich viel Mut dazu, die Streif hinunterzujagen, wie zu sagen, dass man nicht mehr will." (Katharina Mittelstaedt, 16.1.2016)

  • Moment der Einsamkeit: Gregor Schlierenzauer bei der Nordischen Ski-WM in Falun (Schweden) vor einem Jahr, beim Gang auf den Bakken, wo jeder Skispringer mit sich und seinem Erfolgsdruck allein ist.
    foto: apa / expa / jfk

    Moment der Einsamkeit: Gregor Schlierenzauer bei der Nordischen Ski-WM in Falun (Schweden) vor einem Jahr, beim Gang auf den Bakken, wo jeder Skispringer mit sich und seinem Erfolgsdruck allein ist.

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