Fossile Energieträger und Paris

Userkommentar19. Jänner 2016, 11:48
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Warum eine stabile Energieversorgung zu leistbaren Preisen im Augenblick nur mit russischem Gas möglich ist. Eine Replik

Im STANDARD-Userkommentar vom 14. Jänner empfiehlt Jürgen Schneider, eingefahrene Denkmuster in der Energiewirtschaft und -politik vor dem Hintergrund der Ergebnisse des Pariser Klimagipfels aufzubrechen. Dem können wir uns vollinhaltlich anschließen. Europas Energieversorgungssicherheit beruht auf vier Säulen: der Diversifizierung von Anbietern und Transportrouten, der Steigerung der Energieeffizienz (insbesondere bei thermischer Gebäudesanierung), der Steigerung der "erneuerbaren Energien" und der Bildung eines europäischen Energiebinnenmarktes. Erneuerbare haben nicht nur den Vorteil, Abhängigkeiten zu verringern, sie tragen noch dazu wesentlich zu der dringend notwendigen Reduktion von Treibhausgasen bei. Es besteht weitgehende Einigkeit, dass zur Erreichung der in Paris formulierten, wenn auch letztlich nicht verbindlichen Ziele enorme Anstrengungen notwendig sein werden.

Schneider stellt zu Recht die Frage, ob sich denn vor diesem Hintergrund Investitionen in fossile Energieinfrastrukturen langfristig lohnen. Immerhin habe der Markt während der Pariser Verhandlungen Öl- und Gaskonzerne bereits abgestraft. Abgestraft wurden sie allerdings nicht nur durch die Pariser Konferenz, sondern auch durch die am Markt bestehende Öl- und Gasschwemme. Die Dekarbonisierung ist zunächst nur ein Bekenntnis der in Paris versammelten Staaten. Keineswegs ist davon auszugehen, dass dieses Ziel bis 2050 erreicht werden wird. Zumal es keinen Sanktionsmechanismus gibt, wenn die Staaten ihre freiwillig eingegangenen Reduktionen der Treibhausgase nicht erfüllen. Weiterhin werden Preis und Verfügbarkeit der Energieträger den Energiemarkt bestimmen.

Stabile Gasversorgung

Europas Energieverbrauch stagniert – aber das wird nicht so bleiben. Schweinebauchzyklen sind allgemein bekannt und auch in der Energiewirtschaft nichts Neues. Ein Blick in die Mitte der 2000er-Jahre reicht. Nach dem Zusammenbruch des Ölpreises 1998 waren die Investitionsanreize und -mittel gering. Bereits ab 2004 kam es vor allem durch Chinas Wirtschaftswachstum zu einer rasant steigenden Nachfrage, was zu erhöhten Investitionsanreizen führte. Die sogenannte "shut-in capacity" (ungenutze Produktionskapazität) sank von vier Millionen auf eine Million Barrel. Der Preis für Rohöl stieg, da notwendige Investitionen in Erwartung eines anhaltend niedrigen Preises für diesen Energieträger nicht getätigt worden waren. Eine langfristige Planung der einsetzbaren Energieträger und der dafür notwendigen Leitungen und Zugang zu Feldern sind daher sehr wohl wichtig. Das gilt vor allem für die Erdgasversorgung. Aber wer braucht das Gas, wenn wir uns doch alle einig sind, dass Dekarbonisierung eine der wichtigsten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts ist?

Gas spielt als Brückentechnologie noch lange eine wichtige Rolle. Bereits jetzt verheizt Europa mehr Kohle, als den Klimazielen zuträglich ist. Grund dafür ist, dass der Preis für russische, kolumbianische und amerikanische Kohle, Letztere durch den Schiefergasboom nicht mehr am heimischen Markt rentabel, niedriger ist als der durchschnittliche europäische Gaspreis. Hocheffiziente, moderne Gaskraftwerke werden eingemottet, alte Kohlekraftwerke werden hochgefahren. Resultat: ein erhöhter CO2-Ausstoß in Europa und höhere Gewinne für die Aktienbesitzer der Energieunternehmen. Die Lösung: eine stabile Gasversorgung zu leistbaren Preisen. Das ist im Augenblick nur mit russischem Gas möglich. Darin spiegelt sich keine Sympathie für das Regime Putin (übrigens: weder Qatar noch Saudi-Arabien oder die zentralasiatischen Regime sind Horte der Demokratie), sondern eine realistische geopolitische Sichtweise.

Lücken in Europas Gasnetz

Eine Lesart unseres Beitrags ("Ohne Russland gibt es keine Energiesicherheit", 3. Jänner) als Empfehlung für den Asset-Swap, wie es Caspar Einem in einem Leserbrief in der gedruckten Ausgabe des STANDARD getan hat, könnte falscher nicht sein. Es geht und ging um Energieversorgungssicherheit. Steigern wir die Produktion aus Wind- und Solarkraftwerken, muss für die Phasen vorgesorgt werden, wo weder der Wind (in brauchbarer Form) weht, noch die Sonne scheint ("back-up requirement"). Dies ist in unseren Breiten aufgrund geografischer Bedingungen sehr häufig der Fall. Hier sollten nicht Kohlekraftwerke die Sicherheit gewährleisten, sondern Gaskraftwerke. Beide müssen allerdings mit einer gewissen Grundlast betrieben werden, um Schwankungen im Netz ausgleichen zu können und im Notfall hochgefahren werden zu können. Eine stabile Gasversorgung macht also nicht nur Sinn, sondern ist absolut notwendig. Dafür sind langfristige Investionsplanungen auf absehbare Zeit weiterhin notwendig.

Ein Wort zu Flüssiggas (LNG) und der dafür notwendigen Infrastruktur. Europas Gas- und Ölpipelinenetzwerk ist von Ost nach West ausgerichtet. Selbstverständlich ist es technisch möglich, die "reverse flow capacity" zu bauen, wie Einem das betont hat. Allerdings bei weitem nicht bei allen Leitungen. Denn viele davon sind wie ein Teleskop gebaut. Sprich: Sie haben einen großen Durchmesser am Einspeisepunkt und einen geringeren am Entnahmepunkt. In diesen Fällen ist ein "reverse flow" nicht zu machen. Leider befinden sich aber die Entnahmepunkte zum überwiegenden Teil im Westen, die Einspeisepunkte im Osten. Nicht zu vergessen die Kosten für die als so leicht angepriesene Umkehrung: Die Europäische Kommission schätzt die Höhe der notwendigen Investitionen in den Energieinfrastrukturbereich insgesamt auf 200 Milliarden Euro. Das allein bis zum Jahr 2020. Wäre es also so ein leichtes Unterfangen, das Gas in bestehende Pipelines in beide Richtungen zu schicken, wären die Kosten wohl nicht so exorbitant. Ganz im Gegenteil: Europas Gasnetz weist beträchtliche Lücken auf.

Um das Ziel der Dekarbonisierung zu erreichen, sind im Übrigen auch noch zwei Bedingungen zu erfüllen: eine Anhebung der erschreckend geringen Forschungsausgaben für technische Entwicklung und die Einsicht, dass es ohne persönlichen Verzicht bei der Energienutzung nicht gehen wird. (Gerhard Mangott, Johannes Pollak, 19.1.2016)

Gerhard Mangott unterrichtet Politikwissenschaften an der Universität Innsbruck.

Johannes Pollak lehrt am Institut für Höhere Studien (IHS) und der Webster University Vienna.

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  • Europas Gasnetz weist Lücken auf.
    foto: epa/robert jaeger

    Europas Gasnetz weist Lücken auf.

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