Julya Rabinowich: Wild at heart

15. Jänner 2016, 16:37
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Mensch wie Tier tendieren offensichtlich ab und an zu schmerzlichen Liebesleerläufen

Hunde sind nicht nur treue und lernwütige, sondern auch ziemlich anlassbezogen sture Wesen. Was ein Gewohnheitshund mal gemessen, gewogen und für gut befunden hat, wird recht lange und trotz gegenläufiger neuer Erfahrungen nicht mehr infrage gestellt. Das hat zwar recht wenig Situationselastik, aber immerhin ein ausgeprägtes Bestehen auf Tradition, ja fast eine Beständigkeitserotik.

Im Gegensatz zu einer launischen Katze, die mit einem Strich der Schwanzspitze etabliertes Procedere aus der gemeinsamen Geschichte hinwegfegt, ohne mit den Schnurrbarthaaren zu zucken. Für sie ist die Wahrheit nur eine Tochter der Zeit, während für den Hund das Leben, auf zwei Steintafeln gemeißelt, vom blitzumzuckten Berg geholt worden ist.

Das hat Vorteile – beispielsweise im gemeinsam abzuwickelnden Alltag -, aber auch Nachteile. Wenn der Hund gelernt hat, dass die Katze der Hundehaltermutter eine Seelenverwandte ist, die Korb und Napf mit ihm zu teilen bereit ist, so wird er bei der nächsten Gelegenheit und jeder unvorhergesehen dahergelaufenen felinen Erscheinung diese bereits einmal erprobte und zufriedenstellende wilde Ehe erneuern wollen: teilweise mit Tierarztkonsequenzen.

Was ich mit meinem Hund schon mit fremdkätzisch ausgekratzter Visage beim Fachmann vorstellig wurde, war Luxus und von "noch einem Glück" konnte manchmal auch nicht mehr die Rede sein. An der Begeisterung für die krallenbewehrte, artfremde Spezies vermochte es allerdings wenig zu ändern.

Zeitweilig erinnert mich diese halsbrecherische, wildromantisch todesverachtende Liebe durchaus nicht nur an Schnulzen und Klassiker – von den Dornenvögeln bis hin zur Westsidestory – sondern auch an liebestechnische Fehltritte im nächsten Freundeskreis. Wer kennt ihn nicht, jenen unglückseligen Kumpel, der sich Mal um Mal betrügen lässt und trotz eifrig gesuchter Ratschläge anschließend keinerlei Konsequenzen ziehen will? Ein Gespött der ganzen Umgebung und eine Herausforderung für alle gutmeinenden Freunde? Wer kennt nicht die Frau, die zum so jahrelang wie vergeblich Angebeteten geht, bis der letzte Herzreifen bricht, eine zeitweise Dauerbelegung der Ausheulcouch und das Wändehochgehen der Couchbesitzer inklusive?

Mensch wie Tier tendieren offensichtlich ab und an zu schmerzlichen Liebesleerläufen. Ehrlich gesagt müsste ich für die Beobachtung dieser Phänomene nicht einmal so weit reisen wie zum nächsten Freundeskreis: Mein Hund ist eventuell einfach nur durch die direkte Umgebung verdorben worden. (Julya Rabinowich, 15.1.2016)

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