Canan Dagdelen: Reisende Heime und Perlen der Toleranz

21. Jänner 2016, 11:13
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Arbeiten der österreichisch-türkischen Künstlerin im Projektraum Viktor Bucher in Wien

Sie stellt sie auf den Kopf oder klebt sie wie mit Zuckerguss glasierte Lebkuchenhäuser aus Modulen zusammen: Modelle osmanischer Kuppelbauten. In den Serien Homely (2002/2003) und Homewards (2003) dienten die Tonobjekte der 1960 in Istanbul geborenen Canan Dagdelen als Verweis auf eine archetypische Architekturform der türkischen Kultur. Die Gewölbehäuschen werden bei der Keramikerin zur Metapher für ihre Herkunft und Zugehörigkeit. Verdreht, aus der Achse gekippt oder um diese rotierend, wird Architektur zur mobilen Einheit, zum Unterschlupf, den man mit sich nehmen kann. So entsteht eine Art Soziologie der Migration und Entwurzelung.

Im Projektraum Viktor Bucher sind allerdings Dagdelens jüngste Kuppelbauobjekte zu sehen: Die altrosa Porzellanmodelle lösen seit dem Terroranschlag vergangenen Dienstag in Eminönü, dem historischen Zentrum Istanbuls, nun jedoch auch andere Assoziationen aus. Denn die Keramikerin hat dieses Mal keine anonymen Bauten, sondern den Hamam der Roxelane zitiert, der nahe der Moschee von deren Mann Sultan Süleymaniye, nahe der Hagia Sophia und dem Ort des Attentats steht.

Die Tat zielte auf den Tourismus ab, war ein Angriff auf Toleranz, Dialog und Austausch; Aspekte, die im Werk von Dagdelen, die 1980 nach Wien kam, angelegt sind. Es war 2010, als Istanbul europäische Kulturhauptstadt war, als sie eine freundliche Grußgeste zwischen den vier Minaretten der Moschee von Sultan Süleyman dem Prächtigen installierte: Mit 490 leuchtenden Kugeln schrieb die Künstlerin das Wort "Selam" – "Hallo" – in den Raum.

Kugeln sind ein konstantes formales Element in Dagdelens Arbeiten: Wie Perlen fädelt sie diese auf, zeichnet mit ihnen Umrisse und Volumen osmanischer Zentralbauten nach. Perlen sind für Dagdelen auch ein Verweis auf das mit der Ringparabel aus Nathan der Weise verwandte Perlengleichnis. Es wurde dem Kalifen Al-Mahdi bereits im 8. Jahrhundert erzählt. Das Gleichnis aus dem Islam darf also mit Fug und Recht von sich behaupten, eine der frühesten religiösen Toleranzgeschichten zu sein.

Und auch Dagdelens Rückgriff auf Roxelane darf politisch, ja feministisch gewertet werden: Schließlich stieg diese nicht nur von der Sklavenkonkubine zur Lieblingsfrau des Sultans auf, sondern stand ihm auch als politische Ratgeberin zur Seite. (Anne Katrin Feßler, Album, 16.1.2016)

Projektraum Viktor Bucher, Praterstraße 13, 1020 Wien, bis 28.1.

  • Canan Dagdelen: "Doppelhammam 'Roxelana'_uprised", 2015.
    foto: rupert steiner

    Canan Dagdelen: "Doppelhammam 'Roxelana'_uprised", 2015.


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