Personalisiertes Impfen: "Der Beginn einer neuen Ära"

16. Jänner 2016, 09:00
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Impfstoffe wurden bisher für eine breite Masse gesunder Menschen entwickelt, ganz nach dem Motto "eine Impfung passt für alle". Nun sollen Risikogruppen personalisierte Impfungen bekommen

Die Bevölkerung soll in Zukunft ganz spezifisch, angepasst an mögliche, individuelle immunologische oder genetische Veränderungen, geimpft werden. "Wir stehen damit am Beginn einer neuen Ära", sagt Ursula Wiedermann-Schmidt, wissenschaftliche Leiterin des Österreichischen Impftages, der am 16. Jänner in Wien stattfindet.

"Dank der personalisierten Medizin können nun auch jene Personengruppen geimpft werden, die bislang wegen ihres schwachen Immunsystems von Impfungen ausgeschlossen waren, wie z.B. Krebspatienten oder Säuglinge", sagt Rudolf Schmitzberger, der Impfreferent der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK). Ebenfalls in diese Risikogruppe fallen ältere Menschen, das Gesundheitspersonal selbst oder Personen mit chronischen Krankheiten. Letztere zeigen einerseits ein schlechteres Ansprechen auf Immunisierungen und sind andererseits wegen ihrer geschwächten Abwehrkräfte durch prinzipiell verhütbare Infektionen gefährdet.

Um individuelles Impfen zu realisieren, muss nun erforscht werden, wie bei den einzelnen Risikogruppen die Impfdosen angepasst und welche Hilfsstoffe verwendet werden müssen.

Durchimpfungsraten müssen hoch sein

Nichtsdestotrotz sei es nach wie vor für einen effektiven Herdenschutz sehr wichtig, darauf zu achten, dass die Durchimpfungsraten in der Bevölkerung hoch sind. Unter Herdenschutz versteht man das Ziel, von Mensch zu Mensch übertragbare Erkrankungen auszurotten oder zumindest so weit einzudämmen, dass auch nicht immunisierte Personen innerhalb einer Bevölkerung geschützt sind. "Wer sich impfen lässt, schützt doppelt: sich selbst und andere", sagt Wiedermann-Schmidt. Von der Einführung des elektronischen Impfpasses, wie er bei Elga mitdiskutiert und geplant wird, erhofft sie sich, schneller Risikogruppen und "Impflücken" in der Bevölkerung identifizieren zu können.

"Das ist essentiell, denn aufgrund erhöhter Impfmüdigkeit können sich Krankheiten leichter ausbreiten", so Wiedermann-Schmidt. Während im Säuglings- und Kleinkindsalter generell noch regelmäßig und umfassend geimpft wird, werden Nachfolgeimpfungen bei Jugendlichen und Erwachsenen vernachlässigt. Wiedermann-Schmidt erklärt sich diese Impfmüdigkeit damit, dass "Kinderkrankheiten", die höchst infektiös und auch für Erwachsene gefährlich sein können, häufig als "harmlos" abgetan werden und, insbesondere bei Masern, Keuchhusten oder Polio, das Risko auch im Erwachsenenalter zu erkranken verkannt wird.

So können Masern Mittelohr- oder Lungen- (Pneumonie) aber auch Hirnentzündungen (Enzephalitis) hervorrufen, die tödlich ausfallen oder mit schweren Folgeerkrankungen einhergehen können. Bei Säuglingen ist so aufgrund einer Masernansteckung die Entstehung einer SSPE (Subakute Sklerosierende Pan-Encephalitis), eine langwierig verlaufende Entzündung des Gehirns mit Todesfolge, gefürchtet.

1.000 Menschen sterben jährlich an Influenza

Auch Polio ist eine hochansteckende Infektionskrankheit, die zu irreversiblen Lähmungen oder Tod führen kann. Sie galt lange Zeit als besiegt und gewinnt im Zuge der Flüchtlingsströme wieder an Bedeutung.

An Influenza und ihren Folgeerkrankungen sterben alleine in Österreich jährlich etwa an die 1.000 Menschen. Die WHO fordert seit Jahren bei Influenza eine Durchimpfungsrate von 70 – in Österreich liegt sie bei knapp 8 Prozent.

Zusätzlich gibt es in der Bevölkerung nach wie vor Ängste vor möglichen Nebenwirkungen der Impfung. Erst kürzlich teilte Facebook-Gründer Mark Zuckerberg ein Foto seiner Tocher mit dem Text: "Arztbesuch – Zeit für Impfungen" – und entfachte damit eine Debatte zwischen Impfbefürwortern und -gegnern. Die Nebenwirkungen von Impfungen sind laut Wiedermann-Schmitdt aufgrund hochqualitativer Impfstoffe, strengen Auflagen der EMA (Europäische Arzneimittelagentur) und jahrelangen Erfahrungswerten sehr gering.

"Es ist bedrückend, dass wir uns weiterhin sehr stark mit Krankheiten beschäftigen müssen, die wir durch eine höhere Durchimpfungsrate gut im Griff haben könnten oder gar – wenn alle Länder wie bei den Pocken an einen Strang ziehen – ausgerottet werden könnten", so die Leiterin des Impftages.

Egoismus

Laut Schmitzberger wäre es ein klares Missverständnis, die Möglichkeit des personalisierten Impfens als Freibrief für "immunologische Trittbrettfahrer" zu sehen. Gemeint sind Menschen, die sich darauf verlassen, dass andere geimpft sind. Sie selbst nehmen nur jene Impfungen wahr, die ihnen persönlich relevant erscheinen – etwa eine Tollwut-Impfung vor einer Fernreise – verzichten aber bei in der breiten Bevölkerung durch Impfung verhütbaren gefährlichen Erkrankungen auf einen Schutz. Personalisierte Impfungen stehen also keineswegs in Konkurrenz zum Herdenschutz. Dieser ist nach wie vor eines der wichtigsten sozialmedizinischen Ziele.

Beim Österreichischen Impftag im Austria Center Vienna am 16. Jänner wird auch die Neufassung des Österreichischen Impfplans vorgestellt. Wesentliche Neuerungen gibt es nicht, wie Wiedermann-Schmidt erklärt. Neu ist allerdings eine präzisierte Empfehlung für die Meningokokken-B-Impfung im Kleinkindalter. "Die Beobachtungen im letzten Jahr weisen der Impfung eine gute Verträglichkeit aus, sodass die Verwendung im Säuglingsalter zur Verhinderung gefürchteter Meningitis-Erkrankung (Gehirnhautentzündung) empfohlen werden kann". (APA, red, 16.1.2016)

  • Durch die Impfmüdigkeit der Österreicher können sich Krankheiten leichter ausbreiten.
    foto: apa/dpa/lukas schulze

    Durch die Impfmüdigkeit der Österreicher können sich Krankheiten leichter ausbreiten.

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