Die Giraffe, die einem Elch ähnlich sah

18. Jänner 2016, 08:21
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Britische Forscher rekonstruieren das Skelett eines Sivatherium giganteum

London – Als Anfang des 20. Jahrhunderts das Okapi im zentralafrikanischen Regenwald erstmals auch von Europäern entdeckt wurde, war dies eine zoologische Sensation. Trotz einer Schulterhöhe von nur eineinhalb Metern und eher pferdeähnlichen Körperproportionen ist es der nächste Verwandte der Giraffe – und damit ein lebender Hinweis auf eine früher sehr viel artenreichere Tierfamilie, die nicht ausschließlich in die Höhe strebte.

Vergangene Vielfalt

Die Blütezeit der Giraffenartigen begann vor etwa 20 Millionen Jahren, als sich die Tiere über weite Teile Eurasiens und später auch Afrikas ausbreiteten und bis zum Pleistozän zahlreiche recht unterschiedliche Arten hervorbrachten: Von antilopenähnlichen Tieren mit lediglich eineinhalb Metern Kopfhöhe über solche mit extrem langgestrecktem Hals bis zu Tieren, die eher heutigen Hirschen oder Elchen ähnlich sahen.

Auch bei den giraffentypischen Stirnwaffen, die anders als echte Hörner aus verknöchertem und fellüberzogenem Knorpelgewebe bestehen, gab es eine große Bandbreite: von den kleinen Stirnzapfen der heutigen Giraffen bis zu ausladenden Schaufelgeweihen.

fotos: ap/michael probst und reuters/phil noble
Die einzigen heute noch lebenden Verwandten des Sivatheriums: das Okapi und die Giraffe.

Zur letzteren Gruppe zählte Sivatherium giganteum, dessen Skelett nun am Royal Veterinary College in London rekonstruiert wurde. Es war mit einer Schulterhöhe von über zwei Metern der größte Vertreter einer Gattung sogenannter Rindergiraffen, die vom Fuß des Himalaya bis nach Nordafrika verbreitet war und möglicherweise erst in der Jungsteinzeit ausstarb. Mit seinem bulligen Körperbau und dem schaufelartigen Kopfschmuck, den es zusätzlich zu zwei kleinen Zapfen über den Augen hatte, hätte es auf den ersten Blick einem übergroßen Elch geähnelt.

Die körperliche Rekonstruktion, die ein Forscherteam um den Paläontologen Christopher Basu durchführte, war die erste ihrer Art, um die tatsächlichen Dimensionen des Tiers einschätzen zu können, zu dem bislang einige reichlich übertriebene Zahlen im Umlauf waren. Dabei wurden tausende Fotos von Fossilien herangezogen, um mittels Photogrammetrie ein 3-D-Modell des Tiers am Computer zu erstellen.

Zahlen

Die Forscher errechneten eine durchschnittliche Körpermasse von ungefähr 1,2 Tonnen. Das liegt in etwa im Bereich des südostasiatischen Gaur, der größten heute lebenden Rinderart, oder auch einer durchschnittlichen männlichen Giraffe. Bei Giraffenbullen wurden zwar auch schon Extremwerte von fast zwei Tonnen verzeichnet – allerdings gibt auch obiger Wert nur einen Durchschnitt an. Basus Team kam für das Sivatherium auf eine Bandbreite von 857 bis 1.812 Kilogramm, die mächtigen Schaufeln noch nicht mitgerechnet.

Alles in allem schlagen die Paläontologen Sivatherium giganteum daher als einen möglichen Kandidaten für den größten Wiederkäuer aller Zeiten vor. (jdo, 18.1.2016)

  • Zeuge einer Ära, als Giraffen noch eine größere Vielfalt zu bieten hatten als heute: Sivatherium giganteum.
    foto: apa/afp/christopher basu

    Zeuge einer Ära, als Giraffen noch eine größere Vielfalt zu bieten hatten als heute: Sivatherium giganteum.

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