Angebliche Bücherverbrennung in Nordrussland

15. Jänner 2016, 19:41
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Feldzug gegen "verzerrte Wahrnehmung der vaterländischen Geschichte"

Moskau – In der nordrussischen Teilrepublik Komi sollen dutzende Bücher, die unter Mithilfe der Soros-Stiftung Open Society herausgegeben wurden, auf dem Scheiterhaufen gelandet sein. Hunderte wurden aus den örtlichen Bibliotheken entfernt. Auf der Verbotsliste tauchten klassische Lehrbücher russischer Wissenschafter auf, nach denen an vielen russischen Universitäten immer noch gelehrt wird.

Das russische Kulturministerium hat die Berichte dementiert. "Nach Informationen des Ministeriums ist gesichert bekannt, dass die Bücher nicht verbrannt wurden", sagte eine Sprecherin am Freitag in Moskau. Die Bücher befänden sich in unverändertem Zustand im Bestand der regionalen Bibliotheken.

Damit bemüht sich das Ministerium um einen Schlussstrich unter die Affäre. Kultusminister Wladimir Medinski hatte gesagt, das Verbrennen von Büchern löse "schlechte historische Assoziationen" aus.

Die angebliche Büchervernichtung soll auf eine Initiative des Präsidentenvertreters für Nordwestrussland, Andrej Trawnikow, zurückgehen. In einem Brief an die stellvertretende Regierungschefin der Republik Komi Tamara Nikolajewa bat er darum, Bücher, die mit Geld der Soros-Stiftung gedruckt wurden, ausfindig zu machen und aus dem Verkehr zu ziehen, da sie "unter jungen Menschen eine verzerrte Wahrnehmung der vaterländischen Geschichte formieren und Werte popularisieren, die der russischen Ideologie fremd sind".

Verbrennung im Hinterhof

Nach Angaben des regionalen Bildungsministeriums wurden daraufhin in der staatlichen Technischen Universität der Erdölstadt Uchta 413 Bücher zur Entsorgung empfohlen, im Polytechnikum Workuta 14. Im Bergbau- und Wirtschaftscollege der Stadt, die einst als Zentrum der Gulag-Industrie bekannt war, wurden 53 Bücher bereits im Hinterhof verbrannt. Informationen des örtlichen Internetportals "7x7" zufolge sind die "Soros-Bücher" auch in der Bibliothek der Komi-Hauptstadt Syktywkar aus den Regalen verbannt worden.

Die Stiftung Open Society existierte in Russland seit 1995 und unterstützte Programme in den Bereichen Bildung, Kultur, Medizin und Zivilgesellschaft. 2013 stellte der Fonds seine Tätigkeit nach der Verschärfung des NGO-Gesetzes ein. 2015 landete die Stiftung auf der "patriotischen Stopp-Liste" des russischen Föderationsrats und wurde von der Generalstaatsanwaltschaft als "unerwünschter ausländischer Agent" eingestuft. George Soros selbst ist Unterstützer der Maidan-Revolution in der Ukraine und gilt als Gegner von Kremlchef Wladimir Putin.

Unis protestieren

Es regt sich aber auch Widerstand gegen die Aktion. "Die Lehrbücher hat doch Soros nicht selbst geschrieben, sondern russische Autoren, die anschließend sorgfältig von russischen Wissenschaftern ausgewählt wurden", sagte einer der Betroffenen, Lew Jakobson, Prorektor der Moskauer Higher School of Economics gegenüber der Internetzeitung "gazeta.ru".

In den 90er-Jahren habe die Soros-Stiftung viel zum Überleben der russischen Wissenschaft beigetragen, pflichtet ihm Wladimir Mironow, Dekan der Fakultät für Philosophie an der Moskauer Lomonossow-Universität bei. "In der Zeit gab es große Probleme mit der Herausgabe von Büchern, darum haben sich viele an die Soros-Stiftung gewandt", sagte er.

Selbst Alexander Tarnawski, als Dumaabgeordneter einer der Initiatoren des Gesetzes über "unerwünschte ausländische Agenten", kritisierte die Bücherverbrennung in Komi als "Übertreibung". Da hätten regionale Beamte wohl versucht, sich hochzudienen, meinte er.

Geschichtsbücher entsorgt

Tatsächlich ist in den russischen Regionen der Kampf um die reine Ideologie oft schärfer und wird mit plumperen Mitteln betrieben als in Moskau selbst. So wurden in der Ural-Region Swerdlowsk die Geschichtsbücher der englischen Militärhistoriker John Keegan und Anthony Beevor aus Schulbibliotheken entsorgt – angeblich waren sie "vollgestopft mit nazistischen Propaganda-Stereotypen".

In der Baikal-Region Irkutsk wurden Astrid Lindgrens "Karlson vom Dach", Christian Andersens "Däumelinchen" und Mark Twains "Tom Sawyer", ja selbst der für die Russen heilige Alexander Puschkin und sein "Märchen vom Goldenen Hahn" als kinderschädigend eingestuft und aus den öffentlichen Bibliotheken genommen.

Tannhäuser empört Metropolit

In Nowosibirsk führte eine Tannhäuser-Aufführung des Regisseurs Timofej Kuljabin zu einem grandiosen Skandal. Der Metropolit der russisch-orthodoxen Kirche von Nowosibirsk und Berdsk, Tichon, erstattete Anzeige wegen Verletzung religiöser Gefühle und Zweckentfremdung christlicher Symbole. Das Stück wurde abgesetzt, der Theaterdirektor Boris Mesdritsch entlassen.

"Ihnen ist nichts heilig", klagt wiederum Tschetscheniens Oberhaupt Ramsan Kadyrow die Opposition an. Kadyrow ist bekannt für seinen rigorosen Kampf gegen alles, was er für unpatriotisch hält. Bürgerrechtler bezichtigen ihn, in die Ermordung von Anna Politkowskaja, Natalja Estemirowa und jüngst auch Boris Nemzow verwickelt zu sein.

"Verräter und Volksfeinde"

Kadyrow weist die Vorwürfe zurück, doch seine Rhetorik bleibt aggressiv: "Die Vertreter der sogenannten außerparlamentarischen Opposition versuchen von der schwierigen Wirtschaftslage zu profitieren. Solchen Leuten muss man wie Verrätern und Volksfeinden gegenübertreten", führte er jüngst aus.

Der Begriff Volksfeind fand zu Zeiten der Stalin'schen Repressionen besonders starke Verwendung. Die Angeklagten erwartete in der Regel die Todesstrafe, selbst Angehörige von Volksfeinden wurden in Sippenhaft genommen und mussten mit einer Gefängnisstrafe von mindestens fünf Jahren rechnen.

Stalin immer beliebter

Stalin selbst übrigens erfreut sich wachsender Beliebtheit: Erst im Dezember wurde in der Großstadt Pensa ein Stalin-Zentrum eröffnet. Umfragen bestätigen Stalins zunehmende Popularität: Ein Drittel der Befragten ist inzwischen davon überzeugt, dass der Sieg im Zweiten Weltkrieg alle Sünden Stalins überwiege. Vor neun Jahren waren nur 28 Prozent der Befragten dieser Ansicht.

Die Zahl derjenigen, die in ihm einen weisen Anführer sehen, der die Sowjetunion zum Aufstieg geführt hat, ist inzwischen mit 20 Prozent (2007 waren es noch 14 Prozent) fast genauso hoch wie die Zahl seiner Gegner (21 Prozent), die ihn als Tyrannen und Massenmörder sieht.

Der Grund für all die Phänomene liegt in der zunehmenden Entfremdung zwischen Russland und dem Westen, und den zahlreichen Konflikten, die in der jüngsten Zeit aufgebrochen sind. In den Regionen zeigt sich diese Abgrenzung nur deutlich exzessiver als in der Hauptstadt Moskau. (André Ballin, 16.1.2016)

  • Die Region Workuta ist vor allem wegen der dortigen Gulags bekannt
    foto: ap

    Die Region Workuta ist vor allem wegen der dortigen Gulags bekannt

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