Andy Warhol und Sante D'Orazio: Bourgeoise Indiskretionen

20. Jänner 2016, 11:17
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Zwei Bildbände warten mit Polaroids auf

Seinerzeit, im Zeitalter analoger Fotografie, war man meist darauf angewiesen, dass die belichteten Filme von einem Profi ausgearbeitet wurden. Privatsphäre? Ade. Abhilfe schuf 1947 die Erfindung des Physikers Edwin H. Land: das Sofortbildverfahren. Diese technische Revolution ermöglichte es, bereits wenige Minuten nach Betätigen des Auslösers ein fertiges Foto in Händen zu halten. Unabhängig von Dunkelkammer, Filmentwicklung und dem diffizilen Vergrößern anhand von Fotonegativen. Wurde diese Unabhängigkeit von allzu neugierigen Zwischenhändlern im privaten Bereich vor allem für erotische und pornografische Sujets genutzt, erkannten Künstler des Mediums Potenzial für ihr Genre.

Geradezu obsessiv besessen von Polaroids war Andy Warhol. Er fotografierte alle Besucher der Factory. Gerüchteweise porträtierte er aber nicht nur die Köpfe seiner Gäste, sondern auch deren Genitalien. Und mit der Schizophrenie eines Buchhalters katalogisierte er all das minutiös. Ein Teil dieses Erotikons ist in dem nun publizierten Fotoalbum enthalten. Momentaufnahmen des internationalen Jetsets, der Stars, Celebritys und Wanna-Bes. Wow!

Polaroids a priori mit dem Nimbus des Artifiziellen und hoher Qualität gleichzusetzen wäre aber übertrieben. Allzu bekannt sind die Mängel: fleckige Oberflächen, ausgefranste Ränder, oft eigenartig blasse Farbverfälschungen, partielle Unschärfen, diffuse Spuren des chemischen Prozesses. Nicht zu vernachlässigen aber die Meriten: Jedes Bild ist ein Unikat, das, übermalt, verfremdet, signiert, mittels Tiefe besticht; au contraire zur gegenwärtigen digitalen Manipulation. Ohne Anspruch auf Perfektionismus, sondern um die Umsetzung einer im Kopf geborenen Idee schnell zu visualisieren, verwendet auch Sante D'Orazio das Sofortbild. Nun lässt er uns teilhaben an einer Auswahl dieser authentischen, entspannten und sehr sinnlichen Schnappschüsse. Trashy, sexy, très chic! (Gregor Auenhammer, Album, 16.1.2016)

Andy Warhol, "Polaroids". € 74,95 / 560 Seiten, Taschen 2015.

Sante D'Orazio, "Polaroids". € 30,- / 136 S., SchirmerMosel 2015

  • Polaroids waren prinzipiell immer als unperfekte Instantaufnahme konzipiert. Profis dienen sie oft dazu, Licht, Stimmung, Szenerie, Pose und Bildausschnitt zu testen.
    2 "polaroid-foto-alben" von andy warhol & sante d'orazio. foto vom foto: lukas friesenbichler

    Polaroids waren prinzipiell immer als unperfekte Instantaufnahme konzipiert. Profis dienen sie oft dazu, Licht, Stimmung, Szenerie, Pose und Bildausschnitt zu testen.

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